Die Lehre Autobiografie, Inhalt: Kapitel 1 Kapitel 2 Kapitel 3 Kapitel 4 Kapitel 5 Kapitel 6 Kapitel 7 Kapitel 8 Kapitel 9 Kapitel 10 Kapitel 11 Kapitel 12 Kapitel 13 Kapitel 14 Kapitel 15 Kapitel 16 Foto 1 Foto 2 Foto 3 Foto 4


KAPITEL  I


MEINE  JUGENDJAHRE

Ich war die jüngste von drei Schwestern, Muriel, Mary, die taub geboren war und ich, Anna (1). Der Altersunterschied zwischen Muriel und mir, war nicht ganz drei Jahre. Ich war gerade zwei Jahre alt, als wir Dorking verliessen, und ich habe nur zwei Erinnerungen an diese Zeit. Es ist nicht wirklich eine Erinnerung, sondern ein Bild, das sich dank eines oft wiederholten Vorfalls in mir eingeprägt hat. Wir drei, in unseren Kinderspielkleidchen, kraxelten aus dem Fenster des zweiten Stockwerks, wo wir zufrieden auf einer schmalen Brüstung umhersprangen, als uns plötzlich unsere entsetzte Mutter erblickte.

     Das folgende sind echte Erinnerungen: Die erste in meinem Kinderwagen, wie ich entlang eines geäscherten Pfades gestossen wurde, entlang eines zwischen Wasserpflanzen mäanderierenden Flusses. Die zweite war der Besuch in einem mit Efeu bedeckten Haus, wo wir von einem alten Mann mit weissem Schnurrbart begrüsst wurden. Er führte mich in den Garten und erlaubte mir irgendeine der Blumen zu pflücken, die mir gefiel. Ich erinnere mich, wie ich eine riesengrosse Pfingstrose auswählte.

     Von Guildford, unser nächster Wohnort, habe ich eher eine verschwommene Erinnerung. Ich fiel auf eine scharfe Stuhlkante, als ich versuchte diesen zu besteigen, um durch ein Dachfenster die Sterne anzuschauen. Auch erinnere ich mich, einen Platz mit weissen Veilchen gefunden zu haben, kurz bevor wir erneut umzogen, und ich wünschte ich hätte ihn früher entdeckt. Ich kann die breite Hauptstrasse durch das Dorf noch klar vor mir sehen, mit deren Läden, die auf beiden Strassenseiten den steilen Hügel ansteigen. In der Nähe der Anhöhe war die rechteckige, vergoldete Uhr, die über der Strasse hing. Am Fusse des Hügels lag die bucklige Brücke, die den Fluss Wey überspannte, aber da wir, als wir bereits in Bramley lebten, oft zu unserer Grossmutter nach Guildford gingen, sind die Jahre und die Erinnerungen möglicherweise vermischt.

     In Bramley, einem kleinen Dorf, das nicht weit von Guildford entfernt war, waren wir sehr glücklich. Ich denke, dass wir Glück hatten, als Kinder unter solchen Umständen aufwachsen zu dürfen. Unsere Eltern waren im Einklang in ihren eher fortgeschrittenen Ansichten und uns Kindern wurde, ein zu jener Zeit ungewöhnliches Mass an Freiheit, vor allem für Mädchen, zugestanden.. Es wurde mir zum Beispiel erlaubt, mich in der ganzen Landschaft alleine herumzutreiben.

     Sie erachteten Manieren als wichtig, und bewusster Ungehorsam war ein starkes Vergehen, was jedoch sehr selten vorkam. Mary und ich wurden als 'die beiden Kleinen' bezeichnet.

     Die Kluft zwischen Muriel und mir war grösser, als sie vom Alter her gesehen eigentlich hätte sein sollen. Unser Temperament war verschieden, noch liebten oder verabscheuten wir die gleichen Dinge. Muriel liebte die Geselligkeit, sie liebte es, zur Kirche zu gehen. Ich zog es vor, eher für mich alleine zu sein und hatte in jenen Tagen eine Abneigung in die Kirche zu gehen. Im Innern eine Gebäudes eingesperrt zu sein, um einen langen Sermon oder eine endlose Litanei anzuhören, konnte für mich nicht kompensiert werden, durch das Tragen unserer schönsten Kleider und dem Treffen unserer Freunde nach dem Gottesdienst.

     Unser Aussehen war auch sehr verschieden. Muriel war ein wirklich hübsches Kind, mit welligem, goldenen Haar, ausgeglichenen Gesichtszügen und wehmütig blauen Augen, und sie passte zu ihren hübschen Kleidchen. Ich hatte Sommersprossen und widerspenstiges braunes Haar und eine Nase, die mein Vater unverblümt als eine Stupsnase bezeichnete. Ich war in langweilige Matrosenkleider gekleidet, blau im Winter und weiss im Sommer. Es gab keinen Zweifel darüber, dass diese zu meiner Art passten, aber ich empfand sie als langweilig und sehnte mich nach Rüschen und weichen Farben. Das mag etwas zu tun gehabt haben, mit dem was mein Vater als: "Annas Sonntagskopfschmerzen" bezeichnete, aber meine Mutter, die sich gut an mein Kranksein als Sechsjährige in der Kirche erinnern konnte, ging ernsthafter mit meinen Beschwerden um. Manchmal fragte ich am Samstagabend um Süssholzpulver, ein schreckliches Mischmasch, aber es bewirkte, dass wir am nächsten Morgen nicht zur Kirche gehen konnten. Meine Schwester Mary war mir ähnlicher, aber sie sah hübscher aus. Wenn sie zu Hause war, spielten wir immer zusammen, und wir neigten dazu, allen nur erdenklichen Unfug anzustellen. Aber im Alter von sechs Jahren besuchte sie ein Internat in Brighton, wo ihr das Lippenlesen beigebracht wurde, um die Behinderung infolge ihrer Taubheit auf ein Mindestmass zu reduzieren.

     An den Wochentagen wurden Muriel und ich von unserer Gouvernante geschult. An Samstagen vergnügten sich unsere Eltern auf ihre eigene Art, aber der Sonntag war unser Tag. Nach dem Kirchbesuch gingen wir oft mit unserem Vater auf einen Spaziergang. Bei kaltem Wetter spielten wir ein Versteckspiel, bei welchem gerannt werden musste, und bei schönem Wetter erzählte er uns Geschichten. Ich kann mich erinnern, wie er uns, auf einem dieser Spaziergänge, die Geschichte des 'Händlers von Venedig' erzählte. Ich kann mir die Wege, die wir beschritten, immer noch vor Augen führen, und obwohl ich nach meinem dreizehnten Altersjahr nie mehr nach Bramley zurückkehrte, war es für mich ein Vergnügen, mir diese Spaziergänge vorzustellen und so die Landschaft in meinem Gedächtnis zusammenzustellen.

     Nachdem das sonntägliche Mittagessen vorbei war, durften wir alles unternehmen wozu wir Lust verspürten, solange es keinen Lärm verursachte. Das war ein Privileg, das die meisten Kinder unseres Alters nicht kannten, denen die meisten Spielsachen bereits am Samstagabend weggeräumt wurden und die am Sonntag nur noch Bücher lesen durften. Nach einem besonderen Nachtessen, das viel besser war, als unsere werktägliche Abendmahlzeit, las uns Vater oder Mutter aus einem Buch vor, wie zum Beispiel 'Die Wassersäuglinge' oder 'König Arthurs Ritter' und später die 'Dschungelbücher' und 'Gerade solche Geschichten'. Vor dem Schlafengehen sangen wir Hymnen, was für meine Mutter sehr ermüdend war, da ich immer 'Alle leuchtend schöne Dinge' wählte. Da unsere Gouvernante nicht anwesend war, gingen wir alleine zu Bett und der Tag endete mit einer Herumtoberei, wenn unser Vater uns zudecken und das Licht auslöschen wollte. Sobald er in der Türe erschien, wurde diese von einem von uns verschlossen, mit dem Versuch den Schlüssel zu verstecken. Dann kam die Qual des Gekitzeltwerdens, bis unsere Mutter das Gefecht beendete, um den Frieden wiederherzustellen. Unter dem Erklingen der Musik meiner Mutter, welche die Werke ihrer bevorzugten Komponisten, Bethoven oder Schuman, spielte, schliefen wir allmählich ein. Sie war eine begabte Pianistin, und wir waren begünstige Kinder, indem wir, wie es so oft der Fall war, durch das Ertönen ihrer Musik in den Schlaf gewiegt wurden.

     Die Liebe zur Musik, zu den Tieren und für das Auskundschaften der Landschaften, waren meine hauptsächlichen Vergnügen, und sie alle haben ihren Ursprung in diesen Bramleytagen. Obwohl meine Tanten meinem Forschungsdrang nicht zustimmten und mich eindrücklich vor Landstreichern warnten, war es mir erlaubt, vor dem sonntäglichen Frühstück alleine durch die Gegend zu streifen Normalerweise war ich auf der Suche nach Blumen, und bald wusste ich, wo die ersten Schlüsselblümchen sprossen oder entdeckte Flecken von weissen Veilchen mit diesem entzückenden Anflug von Purpur auf der Hinterseite der Blütenblätter. Ich kannte die blaue Glockenblume und den Fingerhutwald, wo das Geissblatt am üppigsten war und wo die besten Brombeeren und Pilze gefunden werden konnten.

     Einmal hatte ich eine Begegnung mit einem Landstreicher. Ich wollte einige Schlüsselblümchen pflücken, die ich unserer Gouvernante senden wollte, welche uns verliess, da sie heiratete. Es war gerade als Muriel einmal mit mir kam, und wir gingen an einen Platz, am Anfang eines Kanals. Als wir dort ankamen, war das Tor mit Stacheldraht verbarrikadiert und mit einer Tafel versehen auf welcher 'Durchgang für Unbefugte verboten!' geschrieben stand. Das war für uns des Guten zuviel, und wir wandten uns widerwillig ab. Muriel ging nach Hause, aber ich war nicht bereit aufzugeben und machte mich daran, querfeldein zu gehen, zu einem anderen mir bekannten Unterholz. Ich erinnere mich, wie ich eine Böschung eines Feldwegs emporkletterte, die in ein Feld führte und am Ende des Holzes sah ich einen Schädel. Ich weiss nicht warum ich dermassen erschrak. Ich dachte, es sei ein Schafschädel, aber von diesem Moment an bewegte ich mich ängslich und in mich gekehrt und füllte meinen Korb so schnell wie möglich und völlig freudlos. Als ich durch eine andere Lücke ins Feld hinaus zurückkehrte, musste ich einen schlafenden Landstreicher aufgestört haben. Er sprang auf mit einem Schrei, und ich rannte in Entsetzen und völlig bedrückt davon. Sehr wahrscheinlich war er genauso überrascht wie ich. Ich weiss, dass er mir beruhigend zurief, aber ich hielt nicht an und raste weinend und atemlos das Landsträsschen hinunter, während ich im Widerspruch mir einredete: "Es macht mir nichts aus, es macht mir nichts aus, ich hab ja die Schlüsselblümchen!", aber diesen Vorfall habe ich nie jemandem erzählt.

     In der Nähe unseres Hauses führte eine Brücke über einen Fluss, neben einem Hügel, welchen ich sehr liebte und der mit Margeriten übersät war. Ich verbrachte viel Zeit dort, indem ich dem Fluss zusah, wie er vorbei floss, oder ich schaute über die Wiese, wo sich ein Baumbestand mit einem Steingarten befand. In der Nähe lag ein Sumpf, wo gelbe Iris und Ringelblumen wuchsen, was für mich in der Blütezeit eine Versuchung war, da jeglicher Versuch sie zu pflücken, mit nassen Füssen, dreckigen Kleidern und Problemen zu Hause endete.

     Ich spazierte auch oft zu einer Gemeindewiese, die hinter dem nächsten Dorf lag. Enten und Gänse wohnten dort, deren Federn ich sammelte. Mein Vater gab mir einen Penny für ein Duzend steife Federkiele, die er brauchte, um seine Pfeife zu reinigen. Aber die weichen gekräuselten, weissen oder grauen Federn zogen mich hauptsächlich an, welche ich nach Grösse geordnet in Schachteln, aufbewahrte. Diese, zusammen mit Gläsern voll von Froschlaich, Vogeleiern und vielen anderen Merkwürdigkeiten und Bruchstücken, wurden von meiner Mutter als 'Annas Müll' bezeichnet.

     Dann, als ich zwölf Jahre alt war, ging unser Vater nach Südafrika. Ich erhielt sein nach Süden ausgerichtetes Umkleidezimmer. In diesem kleinen Raum hatte ich einen Schreibtisch mit drei kleinen Schubladen. Die oberste öffnete sich in ein Schreibfach mit dahinterliegenden kleinen Schublädchen und Fächlein. Ich liebte ihn aussermassen und meine Mutter war sehr glücklich, all meinen Abfall auf diesen einzigen Raum beschränkt zu haben. Dennoch waren nicht alle meine Angewohnheiten unangenehm für sie. Sie konnte mich immer schicken, um Blumen zu plücken, selbst im Winter. Eine andere Glücksquelle waren uns die Sommerferien in Devon oder Cornwall. In jenen Tagen gingen wenige Leute so weit westwärts. Dort war es uns erlaubt, wild herum zu rennen, ausgenommen an Sonntagen, an welchen unsere weissen Musselinkleider und steifen Sonnenhüte einen miserablen Kontrast zu unseren Freiheiten im Pullover, Kilt (Schottenrock), nackten Beinen und Sandschuhen bildeten, die unsere Wochentage verschönerten. Wir konnten baden, und alle drei lernten zu schwimmen bevor wir sieben Jahre alt waren. Wir wateten durch das Wasser und suchten nach Krevetten, kraxelten über Felsen beim Krabbensuchen und falls wir, ein oder zweimal Glück hatten, fanden wir einen unglückseligen Hummer.

     Wir gingen picknicken und erforschten neue Plätze, und hatten eine wunderbare Zeit, vom Moment an, wo wir in den Korridor des Zuges stürmten, sobald dieser Exeter verliess, und wir den ersten Augenschein des Meeres erhaschen konnten, bis zum letzten Moment der Heimkehr, in dem wir aus dem Bett stiegen, um ein trauriges Aufwiedersehen anzubieten.

     Als mein Vater nach Johannesburg auswanderte, bewirkte seine Abreise mein erster bewusster Bruch in meinem Leben. Er war dazu geneigt, mich mit etwas mehr Strenge zu behandeln, wie wenn ich der Bube der Familie gewesen wäre. Das war sehr wahrscheinlich wegen meinen Gepflogenheiten, und auch weil er und ich uns in gewisser Hinsicht ähnlich waren, was ihn sicherlich irritierte. Er verabscheute Tränen, Aufruhr wegen Verletzungen oder jegliche Anzeichen von Angst. Die Tränen kamen mir dazumal mit Leichtigkeit, und ich fand es schwierig diese zu unterdrücken. Ich nahm einmal eine Tube Seccotine und drückte sie aus. Als er es sah, rief er aus: "Hast Du sie berührt?" Nur zu schnell sagte ich: "Nein!' Ich kann mich immer noch an seine lodernd blauen Augen erinnern und die Verachtung in seinem: "Nein! Du meinst ja!' Er sprach nicht weiter, aber ich fühlte, dass ich alles gegeben hätte, um die Uhr zurück zu drehen und eine andere Antwort geben zu können.

     Es gab nur eine Erfahrung in jener Zeit, bei der mir schon dazumal bewusst war, dass sie von ausserhalb meines Bewusstseins kam. Ich glaube, es passierte als ich ungefähr sieben Jahre alt war. Bis dann sprach ich meine Gebete wie ein Papagei, ohne einen Gedanken über deren Meinung zu verschwenden. Neben dem Gebet 'Gott behüte uns' lernte ich auch das bezaubernde Kindergebet:

Lieber Jesus hör mich an,
behüt Dein kleines Schaf heut nacht

Obwohl das Dunkel mir so nah,
behüt mich sicher bis zum nächsten Tag

Den ganzen Tag geführt von Deiner Hand,
ich für Deine Obhut dank.

Für Wärme, Essen und die Kleider,
Du hast selbst jedem meiner Gebete zugehört.

Vergib mir alle Sünden,
und behüte meine Freunde, die ich lieb

Führ mich, wenn ich sterbe, in den Himmel,
wo ich mit Dir glücklich bin.

In dieser besonderen Nacht war es, als ob jemand mich stoppte und mir für jede Zeile die Bedeutung erklärte. Ich kann mich gut an meine Überraschung und Freude erinnern. Wenn man mich darüber gefragt hätte, wäre meine Antwort gewesen: "Jemand hat es mir gesagt." Aber hätte man mich um genauere Erklärung gebeten, wäre ich verwirrt geworden. Es gab niemanden, den ich sah oder hörte. Es war im Innern meines Kopfes, aber selbst in jenem Alter war mir klar, dass es ausserhalb meines eigenen Denkens stattfand. Es bewirkte in mir eine ganz bestimmte Reaktion. Von diesem Moment an wusste ich, wie es für mich richtig war, Gebete zu sprechen, und wenn ich es nicht tat, war es aus Nachlässigkeit oder Faulheit.


ANMERKUNG:

(1) In dieser Autobiografie nennt sich Kath 'Anna'. Alle wichtigen Namen von Personen und die meisten Ortsbezeichnungen in Neuseeland wurden abgeändert.      zurück zum Text


Die Lehre Autobiografie, Inhalt: Kapitel 1 Kapitel 2 Kapitel 3 Kapitel 4 Kapitel 5 Kapitel 6 Kapitel 7 Kapitel 8 Kapitel 9 Kapitel 10 Kapitel 11 Kapitel 12 Kapitel 13 Kapitel 14 Kapitel 15 Kapitel 16 Foto 1 Foto 2 Foto 3 Foto 4


Kapitel 2

Autobiografie, ...