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KAPITEL  II


EWHURST

Als mein Vater nach Südafrika zog, veränderten sich unsere Lebensverhältnisse. Muriel übernahm den alten Schulraum, so dass wir kein Schlafzimmer mehr teilen mussten. Wir wurden beide zu einer Schule in Bramley gesandt, die ich überhaupt nicht gerne besuchte, und während dieser Periode war der Höhepunkt des Elends, dass wir für sechs Wochen an dieser Schule interniert wurden, während unsere Mutter in die Schweiz ging.

     Es war für mich lästig, da ich dort nie alleine sein konnte und die Schulspaziergänge langweilig waren. Selbst nachdem wir beim Verlassen des Dorfes nicht mehr in Reih und Glied gehen mussten, war es uns nie erlaubt, vor den beiden Anführern oder hinter der beaufsichtigenden Lehrerin zu sein. Ich hatte dauernd Schwierigkeiten und erhielt Punkte für schlechtes Betragen, da ich die mir ungewohnten Verhaltensregeln nicht einhielt. Das traf mich hart, da man für einen Betragenspunkt ein Ausgangsverbot erhielt. Einmal, an einem Samstag, waren wir zum Tee eingeladen bei Frau Arbuthnot, die mit ihren drei Söhnen und vier Töchtern im Manor Haus lebte. Diese waren erwachsen, zwischen zwanzig und dreissig Jahre alt, mochten Kinder sehr gerne, und wir fühlten uns sehr zu ihnen hingezogen. Das älteste Kind spielte Violine, und sie tat sich oft zusammen mit meiner Mutter und einem weiteren Freund, welcher Cello spielte. Diese drei waren das Zentrum einer Musikgruppe, die während dem Winter einmal pro Monat einen Musiknachmittag abhielt, zu welchem Muriel und ich immer eingeladen waren.

     In dieser bestimmten Woche versuchte ich mit besonderem Aufwand, mich in der Schule nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Auf einem dieser Spaziergänge erlag ich der Versuchung, über eine Hecke zu springen, um zu sehen, ob sich einige der Schlüsselblümchen bereits geöffnet hätten, und als ich zurückkehrte wurde ich erwischt. Meine Spielkameradin, die wusste welche Folgen das für mich haben könnte, erreichte dank ihrem Betteln, dass mir mein fürchterlicher Betragenspunkt erlassen wurde. Am Tag darauf wurde ich das Opfer einer Lehrerin, welche die Aufgabe hatte zu kontrollieren, ob wir uns in einem bestimmten Durchgang, in dem das Sprechen nicht erlaubt war, ruhig verhielten. Normalerweise wurden wir einmal gewarnt, aber an jenem Tag rief sie zwei von uns zurück, um zu fragen ob wir gesprochen hätten. Ich war mir nicht sicher, ob wir beide schuldig waren, aber wusste leider, dass ich es war, wofür ich einen schrecklichen schwarzen Punkt erhielt. Dieser Punkt wurde normalerweise in der Versammlung ausgeteilt als 'Ungehorsamkeit', aber in einer vergeblichen Bitte um Gnade, benannte ich es mit: "für Sprechen im stillen Durchgang". Ein schallendes Lachen brach aus, jedoch ohne Gnade. Ich konnte nicht verstehen, wie ein solch geringes Vergehen, einen dermassen schrecklichen Effekt haben konnte. Demzufolge musste ich an diesem Samstagnachmittag, mit einem äusserst bitteren Herzen, drinnen bleiben, um im leeren Schulraum Strafzeilen zu schreiben, während Muriel und meine Freundin ohne mich, traurig aber ohne Macht zu helfen, zu meinem Geburtstagsfest gingen.

     Als ich vierzehn Jahre alt war, schloss sich meine Mutter meinem Vater in Johannesburg an, wobei sie Muriel mit sich nahm, während ich zu einer völlig anderen Schule gesandt wurde. Es war eine ungewöhnliche aber sehr gute Schule in Ewhurst, einem abgelegenen Dorf, acht Meilen von der nächsten Bahnstation entfernt. Sie wurde von Frau Hannay geleitet, der Witwe eines früheren Vikars von Ewhurst. Ihre zwei Töchter und eine zusätzliche, dort wohnende junge Musikerin waren die Lehrerinnen. Zwei der Schulkinder waren sieben Jahre alt, wobei eines Frau Hannays Enkelin war. Der Rest, ungefähr ein Duzend, waren zwischen dreizehn und sechzehn und meistens Kinder von Eltern, die in Übersee lebten. Wir spielten Tennis, und die älteren traten dem Frauen Hockey Klub von Ewhurst bei. Ich begann Hockey zu lieben, obwohl Spiele mich nie sehr anzogen. In Ewhurst hatte ich kein Heimweh, und ich konnte mich dort leicht eingliedern, unter der Leitung, die unserer eigenen Erziehung glich.

     Die Schule bestand aus einem an einer Landstrasse liegenden, mit Efeu überwachsenen Backsteinhaus, das mit zwei Häuschen verbunden war, durch rechtwinklig zur Strasse mündende Wege und überdeckte Durchgänge. Ich empfand es als sehr reizvoll. Frau Hannay war vornehm, ein wenig streng aber gutmütig. Die Tatsache, dass sie mit den meisten lokalen Landbesitzern eine gute Beziehung hatte, war ein Glück für uns, da es uns das Privileg einräumte, beinahe überall herum strolchen zu dürfen. Es gab nur die eine Einschränkung, dass immer zwei zusammen gehen mussten, aber diese verhältnismässige Freiheit stellte mich zufrieden.

     Nach meinem Ermessen liegt Ewhurst, an einem der lieblichsten Ecken der südlichen Bezirke. Gerade hinter der Schule erhob sich der Pitch Hügel (275 m) dessen Anhöhe mit Heidekraut und Heidelbeeren überwachsen war. Er wurde für mich zu einer solchen Anziehungskraft, dass ich ihn beinahe täglich bestieg. Von dessen Kuppe konnte man eine weite Aussicht geniessen über den Weald zur entfernten Linie der South Downs, die den Horizont begrenzten. Diese Aussicht, wie übrigens auch das Meer, war nie genau dieselbe und veränderte sich im Verlaufe des Tages, der Jahreszeit als auch durch das Wetter. Im Sommer spazierten wir entlang dem Kamm dieses Hügelzugs, um den Abendgottesdienst von Holmbury St. Marys zu besuchen, und ein andermal gingen wir zu einem Picknick an der Finlaystrasse, auch diesem Hügelzug entlang, welcher, wie ich denke, in Leith Hill endet.

     Ich vergass nie meinen ersten Augenschein dieses Dorfes, als wir auf einem sandigen Pfad durch Heidekraut und Kiefern den Hügel hinunter purzelten, um plötzlich in dieser Senkung die handvoll rosaroten Backsteinhäuschen zu erblicken, welche von den Fruchtbäumen ihrer Gärten umgeben waren, und die sich gegen die massiven Eichen im Hintergrund abhoben. Im Vordergrund war eine grüne Wiese, die sich gegen eine, den Rest der Senkung füllende Wasserfläche neigte. Diese leuchtete wie ein Edelstein in seiner von Fichten verdunkelten Umgebung. Unmittelbar verlor ich mein Herz an diese Anmut. Ich entschloss mich in einem dieser Häuschen zu leben, wenn ich erwachsen sein werde.

     Von Ewhurst gibt es zwei weitere Bilder, die mir in Erinnerung geblieben sind. Das eine ist eine Wiese, auf der wild zerstreute Narzissen blühten, bis in das Unterholz hinein, das einen Bach umsäumte. Wo man auch immer hinschaute, reckten sich die goldenen Blüten nach der Sonne. Das andere war unten beim Strässlein unserer eigenen Schule, an einer steilen, am Ufer eines Baches gelegenen Böschung, wo hunderte von Schneeglöckchen in riesigen Gruppen blühten. Ihre zarten Blüten waren, zwischen den abgestorbenen Blättern, dem gefrorenen Gras und dem Schneematsch des Februars, unglaublich entzückend.


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