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KAPITEL  III


 DAS  LEBEN  IN  BRIGHTON   UND  DAS  VERLASSEN  ENGLANDS 

Das war die Periode, in welcher ich mit meiner Träumerei aufzuhören hatte, um erwachsen zu werden. Finanziell gesehen war es für uns eine schlechte Zeit. Johannesburg geriet in eine Depression, kurz nachdem mein Vater, der ein Anwalt war, dort ankam und sich entschied ein eigenes Büro zu eröffnen. Während den nächsten beiden Jahren war das Leben ziemlich mühsam. Die älteste Schwester meiner Mutter war recht wohlhabend und half uns in diesen Jahren. Nachdem meine Grossmutter gestorben war, verbrachten wir Weihnachten immer bei ihr, zuerst in einem grossen Haus auf dem Hügel und später in ihrem wunderschönen Heim in der Nähe des Moors in Hampstead. Wir verbrachten dort schöne Zeiten, und ich bin froh, dass, als ich sechzehn war, diese Zeit der Verpflichtung und aufgezwungener Dankbarkeit, die Zuneigung zu meiner Tante und meiner Kusine nicht zerstörte. Es fiel deswegen auch kein Schatten über meine Erinnerungen an das Glücklichsein im Schulzimmer hoch oben im Estrich, wo Ruth, meine jüngste Kusine, und ich, uns so vertieft mit ihren Spielsachen vergnügten.

     Das erste was meine Mutter während der Depression tat, war mit Muriel nach England zurückzukehren. Meine Schwester, die nie ohne meine Mutter gelebt hatte, nahm mutig eine Stelle als Gouvernante der Kinder von Freunden an. Sie meinte, sie könne sich erinnern, selbst unartig gewesen zu sein, und dass sie demzufolge Kinder verstehen könne; sicherlich war es für sie leicht mit ihnen umzugehen und sie mochten sie sehr. Meine Mutter siedelte sich dann in Brighton an, damit Mary in ihrer Spezialschule bleiben konnte und damit die zusätzlichen Internierungskosten nicht bezahlt werden mussten. Ich musste Ewhurst verlassen, um mich ihnen in Brighton anzuschliessen und dort die Mittelschule zu besuchen. Es tat mir leid Ewhurst zu verlassen, aber ich verstand, dass es notwendig war. Ich hatte Angst vor der Mittelschule, da der Schatten der Bramleyschule immer noch in meiner Erinnerung haftete. Das war vergebene Angst. Ich hatte Glück mich dieser Schule anzuschliessen, da sie von einer ausgezeichneten Rektorin geleitet wurde und auch eine hervorragende Geschichtslehrerin dort Unterricht erteilte. Beide hatten Oxford Diplome. Es war das Verdienst der Geschichtslehrerin, dass ich mich eher der Geschichte zuwandte als dem Englischstudium. Frau Hiley hatte viel Humor und brachte ihr Fach buchstäblich zum Leben.

     Zum ersten Mal in meinem Leben begannen mich Leute zu interessieren, und ich schloss dort zwei Freundschaften, die, wie ich denke, dauerhaft gewesen wären, wäre mein Leben nicht so zerrissen worden. Merkwürdigerweise hatten die beiden Mädchen, Christine und Margarete, keine tiefere Beziehung zu einander. Ich begann in der gleichen Klasse wie Margarete, und wir waren einander zugeneigt, aber einige Wochen später wurde ich, dank einer Mathematikprüfung, eine Klasse zurückgesetzt. In Ewhurst konnten wir die Fächer lernen, die wir am besten mochten, und nun musste ich für meine Nachlässigkeit in der Mathematik bezahlen. Ich war jedoch besonders interessiert an Englisch und Geschichte, und am Ende des ersten Trimesters erhielt ich eine Doppelbeförderung und landete in derselben Klasse wie Christine, wo ich sie kennen und schätzen lernte, ohne meine Freundschaft zu Margarete zu verlieren. Christines Mutter war die Witwe eines Richters, und ihr ältester Bruder war in der Marine. Ich habe ihn nie gesehen, aber ich mochte seinen jüngsten Bruder, obwohl alles, an was ich mich von ihm erinnern kann, sein Tanz um ein Freudenfeuer im November war, bei welchem er ein scheussliches Wortspiel über Deutsche sang: 'mon cher mons'. Christine war eine brillante Schülerin, im Unterricht als auch in der Musik. Ich kann sie mir heute noch vorstellen, eher klein und zerbrechlich, mit einem spitzen Gesicht, dunklen Haaren und grossen grünen Augen, an einem Flügel sitzend, welcher sie als Zwerg erscheinen liess, völlig ruhig und unbeirrt, ein Konzert spielend mit der Begleitung eines Orchesters.

     Sie lebte am Rande der Downs, und an Samstagen gingen wir oft zusammen spazieren, um nachher erschöpft, aber glücklich in ihr heimeliges Haus zurückzukehren, wo ihre Mutter für uns ein herrliches Essen bereit hielt, mit Schinken und Eiern, garniert mit Wasserkresse, um unseren Heisshunger zu stillen. Ich frage mich, ob sie jemals ahnen konnten, was ihr ruhiges Familienleben mir bedeutete.

     Margarete war die vierte von zehn Kindern. Sie war eher originell als geschickt, und war die treibende Kraft einer Schüler-zeitung, die wir mit: 'Der Papierkorb' bezeichneten. Ich beneidete sie um ihre Gabe, ihre eigenen Geschichten zu illustrieren. Ich mag mich erinnern, wie ich lachen musste über Sketches, die ich zugleich bewunderte. Immer noch hasste ich Menschenmengen, sie aber konnte mitten durch diese durchgehen, sie beobachten und sich darüber erfreuen. Ich glaube, sie hatte den Anflug eines Genies, aber falls es so war, wurde es blockiert, da sie einige Jahre später, irgendwo in den Bergen Osteuropas, wo sie an irgend etwas arbeitete, bei einem Kletterunfall ums Leben kam. Ihr Vater, ein Arzt, war ein Agnostiker, und ich fürchtete mich eher vor ihm. Ihre Mutter, die seine Ansichten teilte, war äusserst liebenswürdig, und ich denke, sie waren eine der nettesten und glücklichsten Familien, die ich jemals kannte. Es war, wie wenn ich zu ihnen gehörte, und als meine Mutter nach Johannesburg zurückkehrte, lebte ich bei ihnen und bereitete mich auf die Prüfung für ein Anfangsstipendium in Oxford vor.

     Wenn die Bramley Tage, bevor mein Vater uns verliess, die glücklichsten waren, so waren diese die interessantesten. Ich war die ganze Zeit mit neuen Ideen konfrontiert, und ich las alles, was mir in die Finger kam. Von Frau Hiley lernte ich viel, dank der Bücher, die sie mir auslieh. Auch durfte ich mit ihrem Hund spazieren gehen und sie pflanzte den Wunsch in mir, ein Universitätsstudium anzufangen.

      Die harten Zeiten gingen vorbei. Sie hatten unsere Familie näher zusammengeschweisst. Meine Mutter sagte, dass sie sich in jenen Zeiten auf mich abstützte, obwohl ich ihr wenig helfen konnte, ausser eine optimistische Haltung einzunehmen. Dann geschah es, dass unglücklicherweise die Kirche zu einem Bruch zwischen uns führte. Ich liebte es, mit ihr in die riesengrosse Kirche von St Michael's zu gehen. Sie hatte eine phantastische Orgel und einen ausgezeichneten Organisten. Ich liebte den Kirchenchor und den Gottesdienst, bei welchem die Kirchgemeinde mich nicht einengte oder mir scheusslich in die Ohren sang. Dann realisierte ich, dass ich die Kirche eigentlich nur wegen dem Genuss der Musik besuchte, ohne deren Glauben anzuerkennen, was mir als unehrlich erschien, und weshalb ich die Kirchenbesuche aufgab. Das erweckte Bitterkeit zwischen meiner Mutter und mir. Sie hatte kein Verständnis für meine Gefühle und dachte, ich sei von einem falschen, intellektuellen Überheblichkeitsempfinden befallen, und ich war nicht willens oder fähig es zu erklären.

     Ich war nicht sehr glücklich in den Monaten bevor ich England verliess. Ich erhielt das Anfangsstipendium nicht, aber es wurde mir versichert, dass ich die erste auf der Liste sei hinter den beiden erfolgreichen Kandidaten, die beide von anderen Universitäten waren. Es war deren letzte Gelegenheit nach Oxford zu gehen. Anderseits war ich immer noch in der Schule. Das hatte auch sein Gewicht, wie ich herausgefunden habe, aber ich wusste, dass die Annahme, ich könne später immer noch anfangen, falsch war, und es war ebenso auch meine letzte Chance. Zu einem späteren Zeitpunkt, erhielt ich einen Brief vom Direktor mit der Nachricht, dass meine Arbeit genügend war, um im nächsten Jahr einen Platz in Sommerville beantragen zu können, falls ich daran Interesse hätte. Es gab, wie sonst üblich, keine freien Plätze in diesem Jahr. Dann offerierte mir meine Schule ein kleines Stipendium und meine Tante erklärte, dass ich in den Ferien bei ihr leben könne. Hoffnung liess mich meinen Kopf höher halten. Dann kam eine Zeit unangenehmer Spannung, bis ich endlich die Entscheidung meiner Eltern erhielt. Wie ich herausfand, waren nicht die Kosten das Haupthindernis, aber sie dachten, dass es nicht der Wert sei nach Oxford zu gehen, falls ich nachher nicht eine Karriere anfangen würde, und sie waren nicht bereit, mich bis zu diesem Ausmass aufzugeben. Es schien mir ein fehlgeschlagenes aber unwiderlegbares Argument. Um den Schlag etwas abzuschwächen, schlug mein Vater vor, dass ich, nach dem Anschluss an die Familie in Johannesburg, bei ihm im Büro arbeiten könne.

     Er dachte sich, dass ich es interessant finden würde. Es ist merkwürdig, welchen Einfluss eine so kleine Sache haben kann. Bis anhin war ich immer die beste in den Geschichtsprüfungen, jedoch bei der letzten Prüfung war ich an zweiter Stelle, zwei Punkte niedriger als die beste. Ich mag mich heute noch an den Klumpen in meiner Kehle erinnern, als ich der Gewinnerin lächelnd gratulierte und mich bemühte, das Dokument mit ihr zu besprechen, bevor ich weggehen konnte. Sie war ein sehr nettes Kind, die Tochter eines Dekans, und hatte die Bestätigung in Oxford angenommen zu werden, falls ihre Arbeit den Anforderungen entsprach. Ich denke, mein Elend war nicht Eifersucht, da ich schon immer realisiert habe, dass eine neue Zuneigung die alten Beziehungen nicht beeinträchtigt. Zuneigung zu stärken oder verringern, liegt bei den beiden Betroffenen, und ich wusste Frau Hiley hatte alles für mich getan, was ihr möglich war. Aber ich war mir eines Scheiterns bewusst, und dieser letzte Zwischenfall schien mir so unnötig. Es war kein guter Abschluss meines Schullebens, und ich wandte mich Südafrika zu, verlor alles was ich am meisten mochte, Freunde, Arbeit und die englische Landschaft, ­ oder so kam es mir dazumal wenigstens vor.


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