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KAPITEL  IV


JOHANNESBURG  UND  PORT  MELVILLE

Ich war nun achtzehn Jahre alt und hatte seit meinem vierzehnten Altersjahr kein richtiges Familienleben mehr. Johannesburg war ein völliger Bruch von allem, was vorangegangen war und rückblickend sehe ich, dass es der Anfang eines Ablösungsprozesses war. Es ist schwierig diesen Geisteszustand zu beschreiben. In dieser Periode fanden wichtige Ereignisse statt. Ich verliebte mich und heiratete. Trotzdem hatte ich in all diesen Jahren in Afrika das Gefühl, ein Beobachter und nicht ein Teilnehmer am Leben zu sein.

     Der unaufhörliche Gesellschaftswirbel in Johannesburg konnte mich nie richtig einnehmen. Die Tatsache, dass ich jeden Morgen im Büro meines Vaters arbeitete, rettete mich von der, in diesen Kreisen üblichen Routine verschlungen zu werden, welche sich aus Mittagessen, Bridgespielen, Tennis und Tanzen zusammensetzte. Es ist war, dass meine erste Arbeit kaum bedeutender war, als die eines Laufjungen. Obwohl ich nie Briefe auszutragen hatte, behielt ich eine Kopie jedes weggehenden Briefes. Ich vergass die genaue Prozedur, aber es beinhaltete das Nässen und Pressen, ein Vorgang der Vorsicht und Reinlichkeit voraussetzte, Eigenschaften, die nicht oft unter den Laufjungen zu finden waren, und wenn ich die Briefarchive verglich, bevor und nachdem sie von mir betreut wurden, akzeptierte ich anstandslos, dass das Gehalt, das ich für meine halbtägige Arbeit erhielt, dasselbe war, wie das ganztägige eines Laufjungen. Ich lernte korrekt Schreibmaschine zu schreiben, wenn auch nicht mit grosser Geschwindigkeit, und die etwas über ein Jahr dauernde Arbeit wurde gegen den Schluss interessanter.

     Das Stadtleben hat mich nie angesprochen, und obwohl ich Tennis, Schwimmen und Tanzen liebte, langweilte mich das normale gesellschaftliche Leben. Ich erhielt den Ruf, mit meinem Hund durch die Seitentüre zu entfliehen, wenn Besucher an die Vordertüre klopften.

Die Gegend um Johannesburg war hohes Grasland. Es war eine Landschaft aus grobem gebüscheltem Gras, das die bare rote Erde zwischendurch hervorschauen liess, eine ausgedehnte Weite, die manchmal von Felsen bedeckten, kopfförmigen Hügelspitzen durchbrochen wurde. Das erstreckt sich so weit das Auge reichte, kahle weitreichende Linien, keine Bäume, genau dasselbe Bild, achtzig Kilometer entfernt, wie dasjenige unter den Füssen. Wenn man in einer Landschaft mit grünen Weiden und Wäldern aufgewachsen ist, wo man beim sich Umdrehen gegen den Himmel abgezeichnet das bucklig kalkige Hügelland oder die mit Heidekraut bekränzten Anhöhen sieht, wo jeder Bach oder jedes Gehölz das Heim wilder Blumen ist, kann einem die Monotonie der Hochgraslandschaft kaum sehr ansprechen. Aber ich kann mir vorstellen, darin aufzuwachsen. Die magischen Färbungen durch die Distanzen mag einem die Gleichmässigkeit vergessen lassen, während das grossartige Gefühl der Weitläufigkeit und des Lichts, das sie vermittelt, seinen eigenen Anreiz inne hat. Aber es war nicht und wurde nie zu meinem Land.

     Ein Hund war die indirekte Ursache, die mich Port Melville sehen liess, und es waren nicht die ungezwungenen Ferien, die ich dort erwartete, da sie die Richtung meines Lebens veränderten.

     Ich erhielt von jemandem einen jungen Russischen Windhund zur Pflege, während sein Besitzer Südafrika durchstreifte, um sich nach einer Farm umzuschauen. Das Hündchen entwickelte sich von einem seltsam anzuschauenden Wesen, in einen wunderbaren, intelligenten Hund, und wir wurden unzertrennlich. Sein Besitzer liess sich schliesslich in Rhodesien nieder. Er wollte mir, ehrlich gesagt, 'Sport' zurücklassen, aber seine, sich in die Angelegenheit einmischende Schwester, betonte den Wert des Hundes mit solcher Nachsicht, dass ich ihn nicht behalten wollte. Das Ergebnis war eine Tragödie. Sobald Sport in seinem neuen Heim in Rhodesien ankam, rannte er davon, und alles was nach einem Leopardenangriff von ihm übrig blieb, wurde viele Kilometer südlich gefunden. Ich spürte, dass er zu mir zurückkehren wollte, und dass er zum Opfer meines Stolzes wurde. Meine Trauer um ihn und eine zusätzliche Grippe brachten mich ins Bett. Meine Mutter fiel derselben Grippe zum Opfer, so dass mein Vater meinte, dass ein Luftwechsel ans Meer das beste für uns sei und uns beide an die Küste sandte.

     Es gab eine Familiendiskussion über das Ziel unserer Reise. Mutter schlug Port Melville im Portugiesischen Ostafrika vor, wo sie einst mit meinem Vater erholsame Ferien verbracht hatte, aber Muriel schlug vor, dass es für uns besser wäre nach Durban zu gehen, eine lebenslustige Stadt, in der meine Mutter Freunde hatte, und wo ich Tennis spielen und Tanzen gehen könnte. Meine Mutter spürte die Richtigkeit dieses Arguments und geriet ins Wanken. Ich kannte keinen der beiden Orte und spürte keine Vorliebe, so dass ich mich selbst, wie auch die anderen überraschte, als ich plötzlich in einem Ausbruch von Ärger sagte: "Nanu, wenn Du Dich entscheidest, nach Durban zu gehen, dann komme ich lieber nicht mit." Wir hatten bereits eine vorhergehende Diskussion über meine Haare, die ich nie hochsteckte, sondern in einer Art kämmte, die als 'Türklopfer' bezeichnet wurde. Ich war neunzehn und Muriel betonte auf eine vernünftige Art, dass die Ferien eine gute Gelegenheit wären, meine Haare wie es sich gehört aufzubinden, um mich an diese neue Frisur zu gewöhnen, und auch, um mich in dieser Kunst richtig zu üben. Da sie in diesem Punkt gewann, mischte sie sich klugerweise nicht mehr in die Entscheidung unseres Ferienziels ein, und ich wunderte mich, weshalb ich so impulsiv war. Demzufolge wurde der Entschluss gefasst, nach Port Melville zu fahren.

     In England spielten Männer keine grosse Rolle in meinem Leben, im Gegensatz zu meiner Schwester Muriel, um welche immer jugendliche Männer kreisten, gegenüber denen ich leicht intolerant war. Nun entdeckte ich, dass ich die Gesellschaft von Männern genoss, und machte auch einige unbefangene Freundschaften. Für mich war es selbstverständlich und ohne viel Spekulation, dass ich eines Tages weit in der Zukunft heiraten werde, so dass ich auf die seltsame Idee, die mich in Port Melville erwartete, völlig unvorbereitet war. Es wurde mir plötzlich klar, dass ich dort meinen Ehemann treffen werde. Das tönt phantastischer als es wirklich war, aber es erklärt warum selbst dieses Ereignis, mein Gefühl des Losgelöstseins oder nur ein Zuschauer zu sein, das in meinem Lebensabschnitt in Afrika überwog, nicht veränderte. Diese Überzeugung war so stark, dass ich mich erinnern mag, zwei Fremden vorgestellt worden zu sein, und mir dabei zu denken: "Oh, ich hoffe es ist keiner von Euch beiden." Und ich war erleichtert herauszufinden, dass einer der beiden bereits verheiratet war.

     Unsere erste Woche verlief angenehm. Ich entspannte mich und hörte auf, mich zu sorgen. Viel Zeit verbrachte ich mit den Kennedys, einem Ehepaar mit einem sieben Jahre alten Sohn. Sie sprachen von Zeit zu Zeit von einem Freund, der gerade abwesend war und von welchem sie nicht wussten, wann er zurückkommen werde. Ihren Gesprächen war zu entnehmen, dass er jede männliche Anmut und Tugend hatte. Solches Rühmen hätte in mir den übliche Effekt von Abneigung erweckt, wenn sie nicht beigefügt hätten, dass er ein Jäger war, der die meiste Freizeit seiner Ferien mit Jagen im hohen Grasland verbrachte. Ich war fasziniert über das was ich, vom Zug aus auf unserer Reise an die Küste, von diesem Land sah, und wünschte, mehr sehen zu können und war drauf bedacht, alles was ich konnte über dessen Tierwelt zu lernen.

     Eines Abends lud uns Frau Kennedy ein, mit ihnen auf den Platz runter zu gehen, um die Musik anzuhören und den Leuten zuzuschauen. Da meine Mutter etwas müde war, entschloss sie sich eher zu Hause zu bleiben, um Briefe zu schreiben, aber sie munterte mich zum Gehen auf. Gerade als wir uns aufmachten erfuhr ich, dass sie zuerst beim Haus ihres Freundes, der soeben zurückgekommen war, hineinschauen wollten, und er war es, der sie auf die Veranda des Englischklubs mitnahm, von welcher der Platz überschaut werden konnte. Als ich merkte, dass es ein verabredetes Treffen war, versuchte ich mich herauszuwinden, aber es war zu spät und lachend wurde mein Protest abgewiesen.

     Als wir ankamen und das sich Vorstellen vorbei war, realisierte ich, dass drei Männer anwesend waren. Herr Carey, der spezielle Freund von dem sie oft sprachen, ein anderer Junggeselle, der oft die Freizeit mit ihm verbrachte und ein weiterer Freund, der bei ihm zu Besuch war. Sie waren alle sehr interessante Personen, und ich glaubte mit ihnen ganz gut auszukommen, bis Frau Kennedy mich beim Gespräch mit dem verheirateten Mann auf der Veranda unterbrach und versuchte, mich in ihre Diskussion mit Herr Carey zu verwickeln. Sie sagte ihm, dass mich das hohe Grasland faszinierte, und dass ich von seinen Jagderlebnissen hören möchte. Ungläubig wandte er sich mir zu und, wie ich es empfand, sagte hochnäsig, dass Tanzen sicher eher mein Interesse sein würde. Leicht aufgebracht behandelte ich die Sache so kurz wie nur möglich und setzte das Gespräch mit seinem Begleiter fort.

Es war sehr wahrscheinlich wegen diesem Zwischenfall, dass ich am nächsten Abend, im Gespräch mit meiner Mutter, das folgende sagte: "Wie immer mochte ich die verheirateten Männer besser, aber du kannst dir ja deine Meinung selbst bilden, da Herr Carey mich in einer Einladung von Herr und Frau Kennedy zum Nachtessen für morgen mit einbezogen hat, und als ich mit der Begründung absagte, dass ich dich nicht alleine lassen wolle, fragte er mich, ob er dich den Tag durch einmal sehen könnte, um auch dich einzuladen."

     Das war der Anfang von vierzehn Tagen, in denen Herr Carey, oder Anthony, wie ich ihn nannte, sich bemühte, mich immer wieder zu treffen. Da ich seinen Ruf nicht kannte, dachte ich zuerst, dass es reine Freundlichkeit war, mich in seinen Vorhaben mit einzubeziehen, und ich hatte keine Ahnung welche Wirbel es im Kreis seiner engsten Freunde bewirkte. Er war ein bodenständiger Junggeselle von achtunddreissig Jahren, und es war allgemein bekannt, dass er niemals zuvor einer jungen Frau Beachtung schenkte.

     Eines Tages fuhren wir in einer Barkasse des portugiesischen Gouverneurs über die Bucht und einen Fluss hinauf. Obwohl es nur eines der verherrlichten Picknicke sein sollte, sahen wir Krokodile, verschiedene Vögel und den Busch hinter der Uferbank, und meine Freude muss Anthony überzeugt haben, dass seine erste Beurteilung falsch war. Der Höhepunkt kam schliesslich nach einem Tanzabend, als er mich zum Hotel zurückbrachte. Er war in der Form eines Antrags, der nicht im geringsten dem glich, was in einem romantischen Buch geschildert wäre, sondern ein Wirrwarr von zusammenhangslosen Vorschlägen war, dass er nie an Liebe auf den ersten Blick geglaubt hätte und über seine Zweifel infolge des grossen Altersunterschiedes. Er liess mir keine Zweifel über seine wahren Gefühle, so dass ich in meiner besonnen Zustimmung zu einem vorbestimmten Schicksal fühlte, dass er eine völlig unnötige Aufruhr zu machen schien.


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