Die Lehre Autobiografie, Inhalt: Kapitel 1 Kapitel 2 Kapitel 3 Kapitel 4 Kapitel 5 Kapitel 6 Kapitel 7 Kapitel 8 Kapitel 9 Kapitel 10 Kapitel 11 Kapitel 12 Kapitel 13 Kapitel 14 Kapitel 15 Kapitel 16 Foto 1 Foto 2 Foto 3 Foto 4


KAPITEL  VI


INHACA

Keine Geschichte über das Leben in Afrika wäre vollständig, ohne Inhaca zu erwähnen. Es ist eine Insel 38 km quer über die Bucht, die uns alle ein Symbol der Fröhlichkeit war. Sie hatte einen 19 km langen Meeresstrand, der gegen den Indischen Ozean zeigte, mit einem Leuchtturm am Nordende, wo die Küste sich in einem Knick gegen innen abbog. In dieser flachen Bucht lag ein kleines Fischerdorf. Am anderen Ende dieses 19 km langen Meeresstrandes war die Südecke, die in Sanddünen endete. Wir kampierten auf deren Innenseite, die steil und überwachsen war, aber die Aussenseite fiel sanft gegen den Strand ab, wo die Brandung unaufhörlich dröhnte. An der Spitze befand sich ein kleines Riff aus Felsen. Dieses Riff war etwas geschützt, da es hinter einer ähnlichen Sanddüne und einem buschbedecktem Endpunkt lag, welche zum Festland gehörte, und lediglich von Inhaca separiert war, durch eine enge Öffnung, die in den Indischen Ozean führte, ein tiefer Kanal, der sich gegen unsere Insel bog und durch welchen die Gezeiten hin und her schossen. Das Festland wich nach ca. 800 Meter gegen den Süden zurück, in die seichten untiefen Gewässer, und in eine lange gebogene Küste, die das Südende der gewaltigen Bucht bildete, welche uns von Port Melville trennte.

     Von unserer Bucht erstreckten sich eine Serie von kleinsten Buchten, die zusammen mit ihren Spitzen eine tiefe Bucht bildeten, deren Zentrum nur zirka eineinhalb Kilometer vom Fischerdorf lag, in welchem wir unsere Post abholten. Von dort aus wand sich die Küste zurück zur Euphorbia Spitze. Die erste Felsenspitze nach der Meeresküste nannten wir Cavally-Point. Der tiefe Kanal des Eingangs führte an diesen Platz, der deshalb geeignet war, um zu angeln und nach grossen Fischen zu trollen. Dort zog ich für Anthony einmal einen 30 kg schweren Kavalli an Land, mit dem er eine halbe Stunde rang, daher kommt der Name dieses Ortes. In der nächsten Bucht schlugen wir unter einer Gruppe von Mimosenbäumen unser Camp auf. Unglücklicherweise blies der Wind den Sand unermüdlich von der Meeresseite her und überdeckte die Büsche auf beiden Seiten der Mimosensenke, wodurch auf beiden Seiten steile Sandhügel entstanden, so dass wir nach einem oder zwei Jahren unser Lager zur nächsten Spitze, die wir Kabeljaufelsenspitze nannten, verlegen mussten, und wo die Büsche genügend tief waren, um Widerstand zu leisten.

     Hier wuchs am äussersten Ende des Korallenriffs ein kleiner verblasener Baum, der gerade genug Platz anbot, um darunter einen Liegestuhl aufzustellen. Da sass ich, las, nähte oder entspannte lediglich, dem Ruf eines Vogels horchend, dessen Töne eine Phrase bildeten, die dreimal wiederholt wurde und dann nach einer Pause in eine weich absinkende Tonleiter überging. Antoine brachte unseren Kindern bei dieses Lied so zu singen, wie es sein Volksstamm tat:

"Mutter ist tot, Vater ist tot, und ich bin allein,
lein, lein, lein, lein, lein."

Bis auf eine Ausnahme, hörte ich diesen Gesang immer nur auf dieser Insel, und wir nannten den Vogel "unser Inhaca Vogel". Ich empfand seinen Gesang nicht trauervoll, obwohl er in moll war. Für mich vibrierte er mit einer tiefen Zufriedenheit.

     Das Korallenriff, das hier die eineinhalb bis drei Kilometer lange Küste bildete, war verschieden von jeden andren, das ich jemals gesehen hatte. Es gab dort überhaupt keine Brandung und dennoch bestanden dessen Buchten aus sauberem Sand. Nach zirka 2 km wurden die Buchten mit dem üblichen Schlamm der Mangrovenbäume vermischt. Hier reichte die Flut an den Rand des Riffs, und bei extremer Ebbe muss das Wässer ungefähr ein Meter achtzig gesunken sein, wobei sich das Riff in eine Wand verwandelte. Auf der Kante des Riffs sitzend, konnten wir bei Windstille und klarem Wasser ein natürliches Aquarium beobachten. Viele Korallenarten, manche wie Schwämme, manche verzweigt, wuchsen am Rande des Kanals, mit riesigen dazwischen geklemmten Perlenaustern, wo die Seeschlangen manchmal lauerten, und hin und her und rundherum schwammen Schwärme von Fischen, einige weiss und schwarz gestreift mit gelbem Schwanz und Flossen. Es gab alle Formen und Grössen, vom kleinsten elektrisch blauen Burschen, bis zum grossen, gemächlich schwimmenden, wunderbar gekennzeichneten Papageifisch. Alle diese lebten dort, aber man wusste nie, welche grosse Gestalt vorbeikreuzte und sie alle zerstäuben liess. Viele Stunden lediglicher Beobachtung wurden dort verbracht.

     Die steilen Sanddünen, die unser erstes Camp überrannten, waren ein grosses Vergnügen für die Kinder. Auf deren Krete konnte man die Meeresbrise fühlen, das Donnern der Brandung hören und die endlosen Wellen beobachten, wie sie sich auf dem harten Sand der Küstenlinie brachen. Oder man konnte sich niedersetzen und Einsiedlerkrebsrennen veranstalten oder sich drehen und rollen, hinunter, direkt ins Wasser der kleinen darunterliegenden Bucht, die unser Schwimmbad war, da gegenüber dieser Bucht das Korallenriff nicht unterbrochen war, weshalb wir gegen Haifische absichert waren.

     Es war auch wunderbar, nach dem Aufkommen der Dunkelheit, auf diesen Sanddünen zu liegen. Wir beobachteten einmal sieben verschiedene, gleichzeitig auftretende Gewitterstürme. Einer oder zwei davon zuckten nur leicht auf an, verschiedenen Stellen am Horizont, wobei andere das lebhafte Schauspiel gezackter Blitze boten. In dieser Nacht stand der Himmel in Flammen und wir wachten bis uns ein kommender Sturm Hals über Kopf zu unserem Camp rennen liess.

     Diese Sommernächte waren wunderschön, ob nun der Mond alles in Silber und Schwarz verwandelte, oder ob es samtartig schwarz war mit hell erleuchteten Sternen und unförmigen Schatten über dem Meer. Manchmal, wenn es heiss und windstill war, wurde die Ruhe unterbrochen durch das dumpfe Aufschlagen einer Stechroche oder dem plötzlichen Aufschäumen des Wassers, weil ein Monster sein Opfer verfolgte. Im Tageslicht war es eines der schönsten Sehenswürdigkeiten, einen grossen Fisch zu beobachten, wie er einen Schwarm kleiner Fische jagte, die gleichzeitig im Rhythmus aus dem Wasser sprangen und wieder eintauchten und so, wie Wellen von Sprühnebel aussahen.

     Wir gingen überhaupt nicht in den Busch, ausser an dessen Rand, da Inhaca nie abgebrannt wurde und demzufolge voller Schlangen war. In unserem ersten Camp hatte ich eine Hängematte, die für mich gerade innerhalb des Buschrandes aufgehängt wurde. Sie war mit einem Seil an einen Baum gebunden, so dass ich mich darin schaukeln konnte. Einmal streckte ich meine Hand aus, um das Seil anzufassen, als ich am Stamm eine sich bewegende grüne Krümmung sah. Nie wurde eine Hängematte so schnell verlassen.

     Sobald die Kinder sechs Jahre alt waren, durften sie auch mitkommen, und wir alle, selbst die Angestellten, liebten es, dort zu sein. Anthony war die meiste Zeit am Fischen. Jederzeit fand man dafür einen geeigneten Platz, entsprechend den Gezeiten, selbst wenn es nur dazu diente Köder zu fischen, um später damit, während dem Schleppen mit unserem Moterboot, der 'Vamos', einen grossen Fisch zu angeln, wobei Michael ihn vielleicht begleitete. Susanne unsere Jüngste und ich liebten es, gerade vor dem Auslaufen der Flut, bei welcher die letzten Wellen eine kleine Linie von Muscheln hinterliessen, der Küste entlang zu streifen. Es war eine herrliche Insel im Bezug auf Muscheln, viele waren wunderbar gefärbt oder seltsam geformt. Unsere bevorzugten waren die Fächer, gelb, orange, rosa und rot, und manchmal ein seltenes lila. Einmal, nach einem Sturm, lag ein langer Streifen Tang am Strand, in welchem ich die perfektesten Miniaturen der grossen Muscheln fand.

     Die ganze Familie machte einmal während der Ebbe der ersten Springflut eine gemeinsame Expedition. Wir gingen zum flachen Felsenriff an der Vorderküste. In den dort liegenden Tümpeln und entlang den Spalten wuchsen die besten Austern. Deshalb machten wir uns mit Stahlmeisseln und Hämmer auf den Weg. Man versuchte immer trocken zu bleiben, aber früher oder später wurde man sowieso von einem grossen Brecher erwischt, der einem auf den Rücken plätscherte, und es war wirklich angenehmer, wenn das vorbei war. Das Weihnachtsgericht war immer Austernsuppe. Diese war äusserst beliebt, so dass man ausser Früchten, Süssigkeiten und Krachern, nichts weiteres benötigte.

     Ein oder zwei Tage bevor wir Port Melville verliessen, lag ich früh am Morgen im Bett und dachte an Inhaca und wie wir diese Insel vermissen würden. Dazumal wusste ich nicht wie heute, dass eine Gegend die man schätzen gelernt hat, so wie wir es mit Inhaca taten, nicht zurückgelassen wird. Es wir zu einem Teil des Selbst und man trägt es mit sich. Aber damals ging es mir eher erbärmlich. Plötzlich hörte ich das Singen des Inhaca Vogels. Ich konnte es nicht glauben, und sprang aus dem Bett ans Fenster, nicht so sehr, um ihn zu sehen, aber um mir zu beweisen, dass ich nicht träumte. Abermals strömten die drei sanften Töne durch den Raum und endeten mit der sinkenden Tonleiter. Er war es, der Inhaca Vogel, und er gab mir das perfekteste Aufwiedersehen, das ich jemals kannte.

     Das beendet einen kurzen Überblick meines Lebens bis zum Moment, in welchem wir Südafrika verliessen. Ich mag mehr über meinen Hintergrund geschrieben haben, als über mich selbst, und es zeigt sich bis zu diesem Punkt, dass ich hinsichtlich meiner Umgebung und Generation ein normales Leben führte.

     Ich glaube, wir wurden als ein glückliches Paar angesehen, mit drei lieben Kindern und einem friedfertigen Heim. Ich habe nicht von den unvermeidbaren Uneinigkeiten und Enttäuschungen berichtet, die in jedem Leben vorkommen. In den frühen Tagen war es mein Hauptproblem, mich an Anthonys Eifersucht zu gewöhnen, eine offensichtlich starke Charaktereigenschaft, die er, wie ich von seiner Familie vernahm, schon als Kind hatte. Die Tatsache, dass er diese grundlos beibehielt, erstaunte mich am Anfang. Ich war deshalb oft unglücklich, bevor ich es als einen Teil seines Wesens zu akzeptieren lernte, der durch andere, feinere Qualitäten ausgeglichen wurde. In der Tat besprach ich es in jenen Tagen nicht mit ihm, aber die Gewohnheit und Erfahrung machte es mit der Zeit eher ermüdend als schmerzend, und da es so war, hatte ich das Gefühl, dass unsere Beziehung dadurch einen Verlust erlitt. Es zerstörte meine jugendliche Tendenz, ihn auf ein Podest zu stellen, aber die Einsicht in Richtung der Wahrheit muss eher ein Gewinn als ein Verlust gewesen sein.

     Es gab eine grössere Bedrohung unserer Beziehung, etwas völlig anderes, das schmerzte und das die Ursache unseres ersten ernsthaften Streites war. Ich kann mich nicht an den Anfang unserer Diskussion erinnern, aber an den Moment, in welchem Anthony seine sehr zynischen Ideen formulierte, seine Überzeugung, dass Liebe kein Schutz für die Beziehung zwischen Mann und Frau ist, und keinem Mann oder keiner Frau getraut werden kann. Ich dachte er generalisiere und eher zurückhaltend protestierte ich, das könne er sicherlich nicht von uns gedacht haben, da wir beide gegenseitig so um einander besorgt seien. Ich war erstaunt, als er diese Überzeugung unabhängig von den Individuen aufrecht erhielt, und er endete mit der Aussage, dass es nur meine Jugend und Unerfahrenheit sei, die mich seinen Glauben nicht akzeptieren lasse, aber dass ich nichts zu befürchten hätte, denn es sei seine Aufgabe, auf mich aufzupassen und mich zu beschützen. Das machte mich wütend und mein ganzes Wesen empörte sich in Protest, aber ich war völlig unfähig meine eigenen, schlecht formulierten Ideen mitzuteilen und konnte gegen seine erfahrene Ausdrucksweise nicht aufkommen. So endete es in einem Wutausbruch, nach welchem ich leidenschaftlich ausrief: "Wenn das also alles ist, auf was Du vertraust, dann bist Du besser auf der Hut!" Ich stob davon, zu einer einsamen Nacht mit bitteren Tränen, da ich viel stärker verletzt war, als was dieser kindliche Wutausbruch bekundete.

     Ich bin heute noch überzeugt, dass es ein Fehler war, solche Ansichten beizubehalten, die nach der Heirat in Wirklichkeit nicht mit seinem eigenen persönlichen Lebenswandel übereinstimmten. Dazumal hatte ich keine religiöse Überzeugung, aber ich glaubte dennoch an das Ideal der Ehrlichkeit und des persönlichen Verantwortungsbewusstseins, das mir in meiner Erziehung mitgegeben wurde. Hätte diese Ansicht durch persönliche Erlebnisse zu meinen eigenen Wertvorstellungen geführt, wäre es nicht so schlimm gewesen, aber, vom Anfang unserer Beziehung an, auf deren Fehlen zu insistieren, war nichts als Verrücktheit.

     Von diesem Moment an, bereits so früh in unserer Ehe, begann ein Bruch in unserer Beziehung. Die körperliche Seite, die auf Anthonys eigener Integrität und seinem Feingefühl basierte, wurde beinahe perfekt, aber unsere geistige Zusammengehörigkeit war völlig einseitig, wir hatten keinen weiteren Meinungsaustausch, er sprach und ich hörte zu. Vielleicht bin ich verschwiegen, ich weiss, dass ich Persönliches eher zurückbehalte. Deshalb lernte Anthony frei zu sprechen, ohne Angst, dass ich es weitergeben würde.

     Ich war natürlich dazumal erst zwanzig Jahre alt und wie die Mädchen meiner Zeit, auf eine gewisse Art seltsam unwissend, und meine Vorstellungen waren, wie zu erwarten war, unverarbeitet, aber ich war aufmerksam und gewohnt für mich selbst zu denken. So beobachtete ich das Verhalten und die Erfahrungen der Leute um mich herum und dachte über die Probleme nach, die sie mit sich brachten.

     Mein Vater war uns immer ein Beispiel einer Person, welche der Wahrheit, dem Mut und der Ehrlichkeit einen grossen Wert beimass. Er verabscheute das Geklatsche und würde einen Skandal nie tolerieren. Ich glaube die Grabinschrift, die von seinen Freimaurerkollegen gewählt wurde, beschrieb ihn genau:

"Mit Unterstützung für jeden und Bosheit gegen keinen."

Dass ich bis anhin glaubte, solche Verhaltensregeln seien einfacher für Männer als für Frauen, kam sehr wahrscheinlich, weil ich mir der Schwäche meiner eigenen Bemühungen bewusst war. Dieses neue Leben, in welchem ich mehr Umgang mit Männern hatte, ernüchterte mich bald. Ich merkte, nicht im allgemeinen gesagt, dass Männer genauso wie jede Frau zum Klatschen bereit waren. Zwei Vorfälle, die zu jener Zeit stattfanden, hinterliessen mir einen bleibenden Eindruck. Einmal hörte ich einen Freund Anthonys eine gewaltige Geschichte machen, aus einer Verachtung, die ein anderer Mann ihm entgegengebracht hatte, und wie er erklärte, wie er während Monaten gewartet hätte und mit unendlicher Mühe einen Plan ausheckte, um es dem anderen heimzuzahlen. Wie überrascht müsste er wohl gewesen sein, dass der Eindruck, den er auf mich machte, ein Erstaunen war, dass Männer so kleinlich sein können.

     Der andere Vorfall war der Abbruch einer Liebesbeziehung zwischen einem Mann und einer Frau, die wir kannten. Er war sehr beliebt, bei Männern als auch bei Frauen. Sie war attraktiv aber sehr unglücklich verheiratet. Rein zufällig war ich die Zeugin von zwei Vorfällen, bei welchen der Mann den Vorschlag eines zukünftigen Treffens abwies. Ich war, vielleicht unvernünftigerweise, wütend über ihn und betrübt, da ich glaubte, dass er sie gedemütigt hatte. So beobachtete ich, dachte nach und kam zur Folgerung, dass nicht der Geschlechtsunterschied die Wertmassstäbe bestimmt, sondern die Persönlichkeit und die Umstände. Alle diese Ideen habe ich jedoch Anthony nicht mitgeteilt. Er schien an meinem Denken nicht interessiert zu sein, so dass die geistige Verbundenheit und der Ideenaustausch, was ich als wichtiger erachte, da es von bleibendem Wert ist im Gegensatz zum Physikalischen, sich zwischen uns nie entwickelte.


Die Lehre Autobiografie, Inhalt: Kapitel 1 Kapitel 2 Kapitel 3 Kapitel 4 Kapitel 5 Kapitel 6 Kapitel 7 Kapitel 8 Kapitel 9 Kapitel 10 Kapitel 11 Kapitel 12 Kapitel 13 Kapitel 14 Kapitel 15 Kapitel 16 Foto 1 Foto 2 Foto 3 Foto 4


Kapitel 5

Kapitel 7

Autobiografie, ...