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KAPITEL  VII


NEUSEELAND

Im September 1928 kamen wir in Neuseeland an und siedelten uns auf einem kleinen Grundstück, 8 km ausserhalb Plymouth an. Es konnte kaum eine Farm genannt werden, da die Bodenfläche weniger als 7.5 Hektaren war, aber wir hielten sieben Milchkühe und einige Jungtiere. Die Kinder und ich melkten und Anthony besorgte den Rest. Er überliess mir die finanzielle Seite der Farm, eine Arbeit, welche ich mit Interesse besorgte. Im ersten Jahr konnte ich den ganzen Profit zur Seite legen und ich musste kein Geld ausgeben. Das dadurch Ersparte wurde als Betriebskapital der Farm eingesetzt. Als wir die Farm kauften, brauchten wir keine Hypothek aufzunehmen, aber dummerweise liess sich Anthony überzeugen, dass eine Hypothek ein gutes Geschäft sei. Ich dachte mir immer, dass es ein Fehler sei. Wir mussten lernen mit einem Drittel unseres vorherigen Einkommens auszukommen, und je schneller wir es konnten, desto besser war es für uns.

     Ich fragte mich, ob mein Leben sich anders entwickelt hätte, wenn Neuseeland nicht von der Depression heimgesucht worden wäre. Wir kauften die Farm als das Butterfett für dreizehn oder vierzehn Pennies verkauft werden konnte, was uns erlaubt hätte, einen Profit zu erwirtschaften, wobei die Lebenskosten von Anthonys Pension gedeckt werden sollten. Bald fiel jedoch der Preis von Butterfett auf sechs Pennies. Selbst in diesem Fall wirtschaftete ich die Farm mit dem gleichen Kapital und den gleichen Einnahmen, wobei ich sogar noch Geld übrig hatte, um die Farm zu verbessern. Wir unterteilten die Weiden und installierten Tränken. Ein Zementsilo wurde gebaut und ein gutes neues Hühnerhaus. Jedes Jahr wurde das Land gekalkt und später sogar mit Superphosphat gedüngt. Auch mein Taschengeld und das der Mädchen wurde von der Farm bezahlt.

     Das Haus stand auf einer leichten Anhöhe mit einem Vordergrund von Weiden und Bäumen. Das Meer war auf mittlere Sicht zu sehen, und 65 km entfernt erhob sich eine Bergkette gegen den Horizont, die am Ort endete, wo die östliche Bucht sich von der westlichen trennt. Ein hinter uns liegender, niedrigerer Hügelzug hielt uns warm, und die gebrochene Landschaft war von uns durch eine sogar noch weiter entfernte Bergkette abgetrennt, die in einem rechten Winkel zur ersten stand. Zwischen den beiden Ketten war eine Lücke, in welcher zu bestimmten Jahreszeiten die Sonne unterging. Das war im Winter eine prächtige Aussicht, vor allem wenn die Berge schneebedeckt waren. Wir liessen uns auf der weiten, vorderen Veranda in die Sessel fallen, wo diese Aussicht uns kompensierte, für das eher mühselige Leben, das wir nun bewältigten. Das Klima half uns und meines Erachtens ist es in Plymouth beinahe perfekt. Die Hitze und das Stechen der Sonne war nicht so harsch wie in Südafrika, jedoch hatten wir ein Maximum an Sonnentagen und genügend Regen, um die Gegend ergrünen zu lassen, ausgenommen gegen das Ende des Sommers, wenn die Hügel sich in ein goldiges Beige verwandeln. Im Winter war es selbst an nassen Tagen warm, aber nach kalten und frostigen Nächten hatten wir sonnige Tage. Es war auch genügend kalt, um einen englischen Frühling zu garantieren, der durch das grün der Trauerweiden, Osterglocken und Veilchen im August angekündigt wurde.

     Alles stand in einem grosser Kontrast zu unserem Leben in Südafrika, aber es war eine glückliche und geschäftige Zeit. Michael und Susanne gingen täglich zur Knaben- oder Mädchenmittelschule in Plymouth. Elisabeth, die siebzehn war, erreichte es, Anthony zu überzeugen, sie zu Hause zu lassen, und ich war wirklich froh um ihre Hilfe im Haus, wo alle Arbeit für mich ungewohnt und streng war. Die einzige Hilfe, die wir uns leisten konnten, war eine Putzfrau, die wöchentlich kam und auch wirklich wunderbar war. Sie erledigte an diesem einen Tag gleichviel, wie wir an den restlichen Wochentagen vollbringen konnten. Wir bewunderten sie ausserordentlich. Sie war die gutartigste Person, die wir uns vorstellen konnten.

     Wir hatten Glück mit so vielen netten Leuten von Plymouth Freundschaft zu schliessen, und es war wegen dem Einfluss einer bestimmten Familie, dass meine besondere Fähigkeit ins Leben gerufen wurde. Major Beaumont und seine Frau luden Susanne und mich zu sich ein, um einen Teil der Weihnachtsferien in ihrem Whare (3) auf der anderen Seite der östlichen Bucht zu verbringen. Als wir mit ihnen zusammen waren, erfuhr ich, dass sie an Parapsychologie interessiert waren, und so erzählte ich eben meine einzige Geistergeschichte. Mein Vater war Agnostiker und glaubte an nichts auf diesem Gebiet. Er verachtete jede Form von Aberglauben, jedoch komischerweise, und zu seinem eigenen Unbehagen, war er es, und nicht meine artistische, temperamentvolle Mutter, mit dem ich diese Geistererfahrung teilte.

     Es spielte sich in Johannesburg ab, an einem höchst unwahrscheinlichen Ort, als ich während der Hitze bei meinen Eltern weilte. Sie waren kürzlich nach Parktown umgezogen, einem der gefälligen Vororte, und es war mein erster Besuch in ihrem neuen Heim. Da meine Mutter wusste, dass ich Platz und Luft liebe, brachte sie mich in einem grossen Zimmer am Ende des Durchgangs unter, das von den anderen Schlafzimmern eher abgeschieden war. In jener Nacht erwachte ich aus meinem ersten Tiefschlaf, weil ich jemanden rufen hörte. Beinahe sofort kam mein Vater zu meinem Raum und sagte: "Hast Du gerufen Anna?" Ich sagte hastig: "Nein, es muss Mutter gewesen sein, mach schnell." Ich dachte sie sei krank, da wir beide das Gefühl hatten, dass jemand um Hilfe rufe. Vater kam nach einigen wenigen Minuten zu mir zurück und sagte, es gehe der Mutter gut, und dass sie es gewesen sein müsse, die im Schlaf ausrief, und ohne weitere Besorgnis schlief ich wieder ein. Bald darauf erwachte ich, nach einem sehr lebhaften und schrecklichen Alptraum, in dem ich von einem Eingeborenen angegriffen wurde. Seltsamerweise lag ich nicht wie üblich, erbärmlich schaudernd im Bett, sondern wies es unverzüglich von mir mit dem folgenden Gedanken: "Gott sei Dank war es nur ein Traum."

     Völlig aufgeweckt, drehte ich das Licht an, um für ein Weilchen zu lesen. Ich musste gelegentlich bei Licht erneut in den Schlaf gefallen sein, weil das nächste, dessen ich mir bewusst wurde, meine Mutter war, die mit ihren kurzen Schritten den Gang entlang schritt, so dass ihre Absätze auf dem Boden tönten. Ich fragte mich, was sie so früh im Sinn hatte und erwartete, dass sie ins Zimmer eintreten würde, um mich zu fragen, weshalb ich denn Licht hätte. Sie hielt ausserhalb meines Zimmers an und drehte den Türknopf eines anderen Zimmers, das, wie ich meinte, in die Küche führte. Als sie den Knopf drehte, sagte sie: "Das ist in Ordnung, es ist geschlossen.." Dann hörte ich nichts mehr und dachte, sie sei nur hier vorbei gekommen, um in die Küche zu gehen. Ich schlüpfte schnell aus dem Bett, und löschte mein Licht, damit sie bei ihrer Rückkehr keine Aufruhr machen könne, weil ich nicht schlafe. Aber sie kam nicht zurück und ich dachte, sie sei auf einem anderen Weg in ihr Zimmer zurückgekehrt.

     Beim Frühstück fragte ich sie, was sie auf ihrer frühmorgendlichen Wanderschaft tat, aber sie verneinte sofort alles, und als ich ihr im Detail erzählte, was passiert war, schaute sie nur verstört drein und sagte: "Das kann ich keinesfalls gewesen sein, denn ich verliess mein Zimmer nicht." Dann schlug mein Vater vor, dass ich geträumt haben müsse. Es war alles so klar, dass ich selbstverständlich angenommen hatte, es wäre meine Mutter gewesen, aber sie schienen darüber nicht sprechen zu wollen. Später schlug meine Mutter vor, ich solle in ein kleineres, in der Nähe meines Vaters liegendes Zimmer umziehen. Ich willigte ein, da ich eine Abneigung gegen das Zimmer verspürte, in welchem ich einen solch schrecklichen Alptraum hatte.

     In der folgenden Nacht las ich wie immer ein wenig, bevor ich einschlief. Kaum hatte ich das Licht ausgedreht und mich niedergelegt, rüttelte jemand ein- oder zweimal heftig am Türknopf des Zimmers, das ich verlassen hatte. Auch hörte ich, ein oder zwei Minuten später, zweimal lautes Klopfen an der Verandatüre des Raumes, in welchem ich am Schlafen war. Ich sprang aus dem Bett und lief zur Türe, die zu meines Vaters Zimmer führte und sagte triumphierend: "Das hast du nun doch sicherlich gehört!" Eine Folge von Grunzen und Murmeln liess mich erkennen, dass Vater bereits in den Schlaf gefallen war. Ich teilte ihm mit, was passierte und dass ich dachte, er sei immer noch wach, und erwartete, dass er aufgebracht sein müsste. Er hielt eine Weile inne und sprach mit ruhigen Worten: "Aber Anne, es ist nicht gut solche Geräusche zu beachten oder sogar über sie zu sprechen. Deine Mutter hört sie nicht. Ich höre sie und bin bereits ein- oder zweimal aufgeblieben, um sie zu ergründen, aber nie fand ich irgend etwas oder irgend jemanden. Es ist höchst wahrscheinlich ein Echo von der Strasse, welche wie du weisst beinahe ums ganze Haus führt. Es gibt nichts, um sich Sorgen zu machen, aber wenn es dich beunruhigt, suchst du dir besser ein Zimmer bei deinen Freunden."

     Ich ging erstaunt ins Bett zurück, aber auch beruhigter, obwohl seine Theorie über Echos, nicht sehr einleuchtend war. Zum mindesten gab er zu, Geräusche gehört zu haben und wollte mir nicht einreden, ich hätte geträumt. Ich war beinahe wieder eingeschlafen, als ich dieses schreckliche Rumpeln hörte und der ganze Raum ein wenig zu zittern begann. Das war für mich des Guten zuviel, ich konnte es nicht mehr aushalten, denn ich kriegte keinen Schlaf in diesem elenden Haus. Als ich das beim Frühstück erzählte, erfuhr ich, dass meine Eltern es nicht gehört hatten und Vater meinte abermals, dass ich für mich selbst entscheiden solle, was für mich das Richtige sei. Ich wollte nicht Rückzug blasen und entschied mich, eine weitere Nacht zu bleiben, und es war für mich eine grosse Erleichterung, als ich an diesem Nachmittag beim Tennisspielen jedermanns Diskussionen hörte, über das grösste Minenbeben, das es in Johannesburg je gab. Ich hatte noch nie ein solches zuvor erlebt und war stark erleichtert, da die Angelegenheit, die ich fürchtete, eine natürliche Erklärung fand. So entschied ich mich zu bleiben, und wie ich mich erinnern kann, hörte ich keine Geräusche mehr.

     Als ich nach Port Melville zurückkehrte und die Geschichte einer Freundin erzählte, gab sie mir eine mögliche Erklärung. Für sie waren nicht alle aussergewöhnlichen Ereignisse ein Humbug, und sie glaubte auch nicht an Schreckensgeschichten, oder die Anwesenheit einer Person. Ihre eigene Erfahrung, die sie mir erzählte, schien ihr auch damals völlig natürlich. Als sie eines Tages bei Freunden zu Besuch war, bemerkte sie im Vorbeigehen, eine braun gekleidete Frau, die in deren Rosengarten Rosen schnitt. Da sie erwartete der einzige Gast zu sein, fragte sie die Gastgeberin, wer die braun gekleidete Frau gewesen sei, und zu ihrem Erstaunen wurde ihr mitgeteilt, dass sie den Familiengeist gesehen hätte. Meine Freundin meinte, dass der Alptraum, den ich in diesem Zimmer hatte, eine Begebenheit war, die jener Frau passierte, deren Schritte ich im Gang gehört habe, und die ausserhalb meiner Türe sprach. Das Rütteln des Türknopfs und das hartnäckige Klopfen, das ich in der folgenden Nacht wahrnahm, war genau das, was ein Eingeborener nach dem Zurücklassen seines Opfers tun würde. Es scheint möglich. Das einzig für mich Sichere waren jedoch lediglich die Tatsachen, die ich erzählte.

     Ich habe das Gefühl, dass es für diese Phänomene eine natürliche Erklärung gibt, die man noch nicht gefunden hat. Vielleicht ist es so, dass wenn der menschliche Sinn auf eine bestimmte Wellenlänge der Gefühle abgestimmt ist, entweder durch Angst, Hass oder Liebe, ein Eindruck hinterlassen werden kann, der von einem anderen Individuum aufgenommen werden kann. Das würde die zwecklosen Wiederholungen solcher Phänomene erklären.

     Die Beaumonts waren zu jener Zeit interessiert an parapsychologischer Forschung und hatten spiritistische Sitzungen besucht. Als wir einst gemütlich über solche Dinge sprachen, erzählte ich ihr, dass ich als Zwölfjährige an einem Spiel teilnahm, welches ein Experiment auf dem Gebiet der Telepathie war. Entsprechend dem unausgesprochenen willentlichen Gedanken zweier Leute, musste ich den Raum durchqueren, eine Öllampe ausblasen, eine Zeitung von einem Tisch nehmen, den Deckel eines Kohlenbehälters öffnen und die Zeitung hineinlegen. Meine Freunde triumphierten über ihren Erfolg, aber ich erinnere mich eher, an einen schmerzenden Kopf und Langeweile. Später, als ich diese Geschichte einer eben in unserem Dorf angekommenen Familie erzählte, bemerkte eines der Mitglieder, dass ich ein gutes Medium sein würde. Ich wusste nicht was das bedeutete, aber da ich von Erfolgen nicht gerade überladen war, informierte ich mit Stolz meinen Vater von dieser Möglichkeit. Damals hänselte er mich deswegen, aber da er ein starkes Vorurteil gegen Spiritismus hatte, schaute er dazu, dass ich nicht mehr viel mit dieser Familie zu tun hatte. Die einzige andere Gelegenheit, bei welcher ich bewusst mit Telepathie in Kontakt kam, war ein lustiger Vorfall in Port Melville. Wir assen auswärts, und nach dem Abendessen brachte der Gastgeber eine Planchette. Sie gehörte einem griechischen Mädchen, das bei ihnen wohnte. Ich versuchte es mit ihr, und es beantwortete einige Fragen, ohne dass ich die Antworten hätte beeinflussen können. Anthony wurde gefragt, was er darüber denke. Er sagte er finde es erst überzeugend, wenn ich unausgesprochene Fragen beantworten würde. Daraufhin drängte das Mädchen ihn zum Versuch. Nach einer Minute lächelte er und sagte, er hätte es getan. Beinahe auf der Stelle kam mir das Wort 'sehr' in den Sinn, so klar, wie wenn es gesprochen worden wäre. Obwohl es nicht eine Antwort zu sein schien, war es so deutlich, dass ich das Brett kontrollierte, so dass es 'sehr' buchstabierte. Anthony begann zu lachen und gab zu, dass seine Frage war: "Hat meine Frau mich immer noch gern?" Der Vorfall wurde mit allgemeiner Überraschung und Erstaunen abgeschlossen. Ich wollte nicht mehr weiter versuchen.


ANMERKUNG:

(3) Whare ist ein Maoriwort und bedeutet Haus oder Wohnung. Die Maoris sind die Einwohner Neuseelands, die vor dem Ankommen der Europäer das Land besiedelten.     zurück zum Text.


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