Die Lehre Autobiografie, Inhalt: Kapitel 1 Kapitel 2 Kapitel 3 Kapitel 4 Kapitel 5 Kapitel 6 Kapitel 7 Kapitel 8 Kapitel 9 Kapitel 10 Kapitel 11 Kapitel 12 Kapitel 13 Kapitel 14 Kapitel 15 Kapitel 16 Foto 1 Foto 2 Foto 3 Foto 4


KAPITEL  XII


ERNEUT  IM  NORDEN

Nach den Ferien zogen Susanne und ich in ein Zimmer, und die Zeit zog ereignislos vorüber bis ich von Elisabeth hörte, dass sie eine Fehlgeburt hatte und mich benötigte. Ich besuchte sie, in ihrem kleinen Dorf an der Westküste. Es gab dort nur eine Schule, ein Kohlenbergwerk, ein Postgebäude und eine handvoll kleiner Häuser, aber ich fand es eine faszinierende Gegend. Als ich dort ankam, war Elisabeth wieder auf den Füssen, aber bitterlich enttäuscht über den Verlust des Kindes. So einigten wir uns, dass ich bleiben würde, um für eine Weile zu helfen. Das nächste Mal ging alles gut mit ihrer Schwangerschaft, obwohl wir am Anfang eine erneute Fehlgeburt befürchteten, weshalb ich Elisabeth für sechs Wochen im Bett behielt. Während dieser Periode der Untätigkeit fragte sie mich, ob sie die Protokolle der Sitzungen lesen dürfe. Sie wurde daran so interessiert, dass sie dem Kreis beitrat, als dieser wieder anfing.

     Wir verbrachten neun sehr glückliche Monate. Vor ihrem Haus dehnten sich niedrige Hügel aus, die uns vom Ozean trennten. Weiter nördlich senkten sich diese ab und bildeten eine sandige, gekrümmte Landzunge mit einem Leuchtturm am Ende. Sie war das westliche Ende der Western Bay. Die Hügel vor dem Haus gingen scharf in steile Klippen aus grauem Fels über, die dreissig Meter oder höher waren, was von der Landseite aus sonderbar wirkte, aber eine höchst eindrückliche Aussicht ergab. Zur rechten Seite auf der Anhöhe dieser Klippen, gab es einen Pfad, der zu einem schönen Strand führte. Dieser war gegen Süden durch die Klippen getrennt, hinter welchen ein dünnes Felsenriff lag, und noch weiter hinten begann der lange Sandstrand der Landzunge. Hier picknickten Paul, Elisabeth und ich manchmal abends, und Elisabeth und ich fachten ein Feuer aus Treibholz an, während Paul vom Riff aus fischte und auf einen Schnapper hoffte. Danach folgte der ruhige Spaziergang nach Hause im Mondlicht.

     Hinter diesen Klippen war ein Kamm, der zum höchsten Punkt dieser Hügel führte. Es brauchte etwa dreissig Minuten, um zur Anhöhe zu gelangen, und wenn immer es mir möglich war, unternahm ich diese Wanderung. Da oben war man beinahe von Meer umgeben. Links fiel die Küstenlinie zurück und ging über in eine Serie von kahlen Kopfformen und steinbesähten Buchten. Zur Rechten lag die Bucht, in der wir fischten und weiter hinten sah man die Landzunge, an welcher die Brandung des Ozeans die Küste behämmerte, während auf der anderen Seite das Wasser der Western Bay plätscherte. Aber es war die gerade vor mir liegende Aussicht , die ich am meisten mochte. Dort erstreckte sich der Ozean ungehindert in den Horizont hinaus. Die Sicht war nie die gleiche, ausser der weissen Brandung, die auf das Ufer auflief, aber die Farben und Stimmung zeigten unter dem Zauber des ungehinderten Windes, der Wolken und der Sonne, endlose Variationen. Es gibt drei Plätze, die immer in meinem Herzen leben werden. Pitch Hill mit seinem Heidekraut und seinen Kiefern, in meinem Geburtsland. Inhaca, die mysteriöse Insel in Afrika und diesen 'mein Hügel' wie ich ihn nannte, da er keinen Namen hatte. Diese drei Orte hatten eine Anziehungskraft auf mich, die sicherlich nicht nur von diesem Leben kamen.

     Während den folgenden neun Monaten hatte ich hier zwei völlig verschiedene, aber ungewöhnliche Erlebnisse. An schönen Wochenenden packte ich jeweils mein Essen für eine Tageswanderung ein, zum Teil weil ich das junge Paar für sich alleine lassen wollte, und teilweise, weil ich es liebte, die Landschaft auszukundschaften. Ich entschloss mich eines Tages soweit wie möglich dem Uferstreifen des Wasser entlang gegen die Landzunge hinauszugehen, welcher am Anfang breit war, sich dann aber weiter draussen verengte. Die Landseite war schlammig, mit Triebsand an manchen Orten. Auf diesen Spaziergängen nahm ich immer Elisabeths Hund, 'Dick' mit. Er war teilweise Samoyed und teilweise Schottischer Schäferhund. Er war einer der äusserst intelligenten und kameradschaftlichsten Hunde, die ich je kannte und er hatte eine gute Wahrnehmung für Stimmungen. Elisabeth und Paul gaben manchmal vor miteinander zu streiten, um ihn zu necken. Er mochte es nicht ausstehen und nachdem er wild um sie herumgebellt hatte, schnappte er sanft nach Paul als Aufforderung damit aufzuhören.

     Die Landschaft um uns herum war überall aufgetrennt durch Schaffährten. Hier brachte ich ihm ein Spielchen bei. Dick liebte es, vor mir her zu gehen, so fiel ich, bei der Annäherung an Abzweigungen, etwas zurück und rannte dann einem anderen Weg entlang, als dem, den er einschlug. Das brachte ihn äusserst aus der Fassung, aber er lernte bald, dass ich es absichtlich machte, und ich konnte ihn nur noch erwischen, wenn er nicht genügend aufmerksam war. Falls uns jemand angegriffen hätte, wäre Dick zu einer gefährlichen Abwehr geworden, und ich hätte mit einer solchen Person erbarmen gehabt, denn selbst in seinen spielerischen Anstürmen lag grosse Kraft. Dick liebte diese Spaziergänge genauso wie ich.

     Diesmal verliessen wir den Strand und wanderten den Sandhügeln entlang, bis wir aus dem Schutz der niedrigen Hügel auf der Basis der Landzunge hervorkamen. Es war wunderschön da draussen und ich fragte mich, als ich weiterging, warum ich keine grössere Lust hatte, und ich fühlte mich schwer und matt, aber brachte es in Verbindung mit der Müdigkeit nach meinem Erkältungsanfall und entschloss mich heute nicht für allzu lange zu gehen, sondern nur bis zum kleinen, vor mir liegenden Hügel. Dann wurde ich auf das komische Verhalten Dicks aufmerksam. Obwohl er charaktervoll war, war er gut erzogen und gehorsam und würde mit mir, wenn Schafe mit Lämmern herum waren, über die Hügel 'Fuss' gehen. Nun musste ich feststellen, dass Dick hinter mir ging. Ich schnippte meine Finger, um ihn frei laufen zu lassen, aber nach einigen Minuten war er wieder zurück. Er tat dies mehrmals, so liess ich ihn machen und wunderte mich, ob er den Sand nicht mochte, der von einer vorherrschenden westlichen Brise angetrieben, mit einem leichten Zischen entlang dem Strand trieb. Ich dachte nicht, dass es stark oder hoch genug war, um ihn zu beunruhigen, aber es war komisch, dass er darauf beharrte, hinter mir zu gehen. Weder Dick noch ich schienen sich zu erfreuen, aber ich wollte unbedingt den kleinen Sandhügel erreichen, den ich als Rastplatz für das Mittagessen vorsah.

     Eine von Dicks liebenswürdigen Eigenschaften war sein Benehmen, während wir assen. Er wählte jeweils einen Platz und legte sich einige wenige Meter von mir entfernt hin, indem er normalerweise mir seinen Rücken zuwandte. Ich tat für ihn immer etwas von meinem Picknick zur Seite, und nachdem ich fertig war, nahm er es jeweils mit Würde, aber nie bettelte er darum. An diesem Tag war es völlig anders. Ich hatte mich kaum gesetzt, als Dick sich an mich drückte und beinahe auf meinen Schoss sass. Ich schob ihn weg, aber er kam zurück und schaute mich so bittend und aufgebracht an, dass ich ihn schliesslich auf meinem Rockzipfel sitzen liess. Während dem Essen beobachtete ich den vorbeiziehenden Sand. Ich dachte daran, was passieren würde, wenn Dick und ich in eines dieser Löcher geraten würden, wie wir bald überdeckt worden wären, und dort bleiben würden, bis ein anderer Sturm uns aufgedeckt hätte, vielleicht in Monaten, vielleicht in hundert Jahren. Dann hatte ich ein seltsames Gefühl der Beklemmung. Es kam mir vor, als ob eine Prozession von Leuten an mir vorbeimarschierte, aber es gab dort nichts als Kilometer von Meer und Sand, die entblösst im Sonnenschein lagen, mit gelegentlichen Schatten, die darüberhuschten.

     Ich wunderte mich, ob die Maoris (7), die um diese Bucht herum lebten, ihre Toten da draussen begruben. Da Dick immer noch sehr ruhelos und ängstlich war, entschloss ich mich zurückzugehen. Als ich umkehrte, um nach Hause zu gehen, fühlte ich mich erleichtert, und ich spürte einen starken Instinkt, nicht hinter mich zu schauen, dem ich gehorchte. Dann erweckte Dick erneut meine Aufmerksamkeit. Er ging nicht nur vor mir her, sondern rannte so schnell er nur konnte. Ich pfiff ihn zurück, er stand still, aber nach einer Minute rannte er erneut. Er war nicht zu halten. Das war ein nie dagewesener Ungehorsam. Ich pfiff ihm mehrere Male, was ihn nur zum pausieren bewog. Er wollte nicht zurückkehren, so liess ich ihn eben und folgte, so schnell ich nur konnte. Sobald er von der Landzunge weg und wieder am Strand unterhalb der Hügel war, stand Dick still und wartete auf mich. Als ich ihn erreichte, sprang er an mir hoch und entschuldigte sich auf jede nur erdenkliche Art, dass er mich verlassen hatte. Ich wünschte, er hätte mir mitteilen können, was er dort draussen erlebt hatte. Es konnte nicht der Sand sein, der ihn beunruhigte, da dieser immer noch dem Strand entlang zischte und er keine Notiz davon nahm. Es ist merkwürdig, gerade nachdem ich diese Episode niederschrieb, erzählte ich sie einem Freund. Dieser sagte mir, er kenne dort zum mindesten eine Maori Grabstätte, und er dachte es wäre dazumal deren Brauch gewesen, ihre Toten dort zu begraben. Es wurde mir auch mitgeteilt, dass ein Maori Kriegsführer vom Norden dort die lokalen Maoris bekämpfte, und diese schliesslich auf die Landzunge hinausgetrieben hatte, wo sie zwischen den Kriegern an Land und einigen, die er mit Kanus auf dem Wasserweg hinausgeschickt hatte, eingekreist waren. Sie wurden praktisch ausgelöscht. Ich habe den Kampf nicht gespürt, nur das Vorbeiziehen von Leuten und ein Gefühl der Beklommenheit, aber gesehen habe ich nichts.

     Bevor ich zum nächsten Erlebnis übergehe, ist es besser, meine Einstellung zum Sterben mitzuteilen. Ich glaube nicht, dass es jemals eine Zeit gab, in welcher Sterben mir nicht angenehm erschien. In den Jahren der verschiedenen Kreise, in welchen ich so oft mit der Gedankenwelt Fühlungnahme hatte, wurde es zu mehr als das. Obwohl ich wusste dass es falsch war, entwickelte ich eine zusätzliche Ungeduld mit dem Erdenleben, die kontrolliert werden musste. Selbst jetzt in diesem glücklichen ruhigen Hinterland, in dem das Leben für mich wieder passiv wurde, wäre das Sterben für mich eine Erleichterung gewesen. Die notwendige Zeit in der Schule ist somit vorbei, und ich bin wieder frei nach Hause zu gehen.

     Ich hatte drei Sterbeerlebnisse. In jedem schien es sich um mich selbst gehandelt zu haben. Das erste Mal geschah es, als ich über die grünen Hügel von unserem Strand nach Hause ging. Es war der perfekte Tag, das Meer lag silbrig blau, wie man es hier an einem windstillen Tag sehen kann. Ich glaube es war September, eine bezaubernde Zeit, und ich hielt inne, um zurück zu schauen. Einmal stand ich bei einem alten ausgebrannten Baumstrunk und starrte auf das kurzgeschnittene Gras mit dem munzigen dreiblättrigen Klee zwischendurch. Ich musste 'weggegangen' sein, da, als ich so dort stand, der Tod kam, still und friedfertig, nur mit einer kleinen wehmütigen Reue für das Leben, das ich verliess. Das überraschte mich, da ich nicht Reue erwartet hatte, Ich wusste dann, dass ich den Einbruch des nächsten Winters nicht erleben würde.

     Das zweite Erlebnis fand Jahre später statt und war viel schlimmer. Es passierte als ich im Bett war und wach im Dunkeln lag. Diesmal begegnete ich dem Tod mit Besorgnis und kam sehr schockiert mit Angst in meinem Herzen zurück. Ich schrieb Nicholas über den Vorfall und erhielt einen tadelnden Antwortbrief. Er dachte damals, dass ich diese Erlebnisse hatte, da ich zuviel über den Tod nachdachte, dass der Wunsch den Gedanken schuf, aber er machte mich darauf aufmerksam, dass es sich nicht um mich handeln könne, da ich ja keine Angst vor dem Sterben hätte. Heute kann ich mich nicht erinnern, ob ich realisierte, dass es sich, beim zweiten Todeserlebnis, das ich durchmachte, nicht um meinen eigenen Tod handelte. Wenn ich in andere Zeiten und in den Sinn anderer Leute eindringe, ist es unheimlich schwierig, sich bei der unmittelbaren Rückkunft nicht mit dieser Person zu identifizieren, im besonderen, wenn diese Erfahrung mit dem Ableben zu tun hat. Dieses zweite Erlebnis kam sechs Monate bevor John Bodley starb, und später erfuhr ich, dass es sich um ihn handelte. Als es das dritte Mal passierte, war es auch unerfreulich, da das Sterben, obwohl ohne Störung der Sinne, mit einem Gefühl von Ersticken verbunden war. Diesmal war es der Tod meiner Mutter.

     Es schien eher hart, dass ich diese drei Vorahnungen des Todes hatte, und auch die meines eigen haben werde, wenn er kommt. Denn das Sterben in sich selbst ist eine seltsame und einsame Erfahrung. Ich schrieb Nicholas Jahre später etwas über diese Spannung, da ich keine Erklärung für diese drei Erlebnisse hatte. Er antwortete, dass es mir durch mein Eintreten in ihre Todessituation vielleicht möglich war, den drei Betroffenen zu helfen. Ich hoffe, dass er recht hatte.

     Als ich mein erstes Erlebnis hatte, wäre es mir nie in den Sinn gekommen, es könnte jemanden anders betreffen, so dass ich es selbstverständlich als eine Vorahnung meines eigenen Todes betrachtete. Es bedrückte mich nicht, und ich sprach dazumal mit niemandem darüber, obwohl ich sehr wahrscheinlich Nicholas davon schrieb. Aber dieser Fehler brachte mein Leben für die nächsten sechs Monate durcheinander. Es war mir nie erlaubt etwas zu sehen, das meine Entscheidung hätte beeinflussen können, bevor diese getroffen war, so ist es möglich, dass diese falsche Wahrnehmung absichtlich nicht berichtigt wurde. Hätte ich dazumal gewusst, dass es sich bei meiner Todeserfahrung um den Tod der 'Mutter' und nicht um meinen eigenen handelt, wäre ich zu der Handlungsweise, für welche ich mich selbst entschied, gezwungen gewesen, anstatt meinem eigenen Gutdünken zu folgen. Sie starb sechs Monate später, vor dem 'Einbruch des Winters'.

     Es war zu jener Zeit als John zu uns herüber kam, um einen Tag mit uns zu verbringen. Er sagte mir bei dieser Gelegenheit, dass er erneut sehr beunruhigt sei, über die Gesundheit der Mutter. Nach meinem Empfinden hatte sie in dieser Phase eine seltsame Geisteshaltung im Bezug auf Krankheiten. Sie teilte mir später ihr Gefühl mit, dass ihre Krankheit unsauber sei, und dass sie hätte fähig sein sollen, diese mit der Kraft ihres Glaubens in Schach zu halten. Damals war ich besorgt wegen Johns Befürchtungen, aber ich dachte, dass sie nicht gerechtfertigt war. Ich fühlte, es sei nicht möglich, dass wir uns beide dem Tod gleichzeitig nähern könnten, und da, wie ich glaubte, meiner vorausgesagt war, konnte ihr Leben nicht in Gefahr sein.

     Einige Wochen später informierte die Mutter John, dass sie einen Knoten unter dem Arm habe. Das alarmierte ihn sofort, und sie hatten ein langes Gespräch, in welchem sie beschlossen, dass er mich holen solle. Er wollte versuchen, ob die erste, vor acht Jahren durchgeführte Heilung wiederholt werden könnte. Er überbrachte mir einen Brief von ihr, der mir Kummer bereitete. Darin bat sie mich um Vergebung ihres Verhaltens und unserer Meinungsverschiedenheit und sie sagte, sie wäre dankbar, wenn ich erneut versuchen würde ihr zu helfen. Es störte mich, da es von mir aus gesehen keine Entschuldigung brauchte. Ich fühlte, es war die Art unserer Lebenspläne, welche die Schwierigkeiten hervorrief, und falls man überhaupt von Schuld sprechen wollte, diese gleichmässig auf uns alle drei verteilt werden müsste. Ich war jedoch gewillt das Vergangene zu vergessen und mit ihm zurückzukehren.

     Die ersten zwei Tage waren mühsam, ich hatte keine Anweisungen und zudem, trotz ihres Briefes, schien immer noch eine Schranke zwischen der Mutter und mir zu bestehen, und ich wusste, dass nichts getan werden konnte solange diese nicht abgebrochen war. In der Zwischenzeit geriet John in Panik und fragte sich, warum ich keine Schritte unternahm. Seine Ungeduld brachte schliesslich die Angelegenheit ins Rollen. Er fragte uns beide, wieso wir keine Heilung versuchen würden, und ich war gezwungen die Lage zu erklären. Das bewirkte einen völlig unerwarteten Ausbruch der Mutter, die eine sehr zarte und normalerweise zurückhaltende Frau war. Nun liess sie sich gehen und drückte ihre persönlichen Gefühle vehement aus, Gefühle, die sie bis anhin verdrängt hatte, eine Verdrängung, der ich nur allzu gerne zustimmte. Ich antwortete ihr und überzeugte sie teilweise, dass sie es falsch sah. John war besorgt. Er beruhigte sie und schlug vor, dass wir alle drei um Hilfe beten sollten.

     Das folgende ist schwierig zu beschreiben. Wenn andere Menschen ähnliche Begebenheiten schildern, wirkt es auf mich abstossend, und mein Instinkt sagt mir, dass der Kontakt mit Azrael etwas Persönliches ist, was nicht beschrieben werden kann. Jedoch, falls ich es nicht tun würde, gäbe es hier eine Lücke ohne Erklärung.

     Ich kann nicht auf Befehl beten, oder einfach im normalen Sinn überhaupt beten. Ich war alarmiert und beklemmt, so dass ich ununterbrochen Azrael anrief, bis er kam. Die Mutter und ich waren uns sofort bewusst, dass er gegenwärtig war. Es war still und hell, Unverständnis und Dunkelheit wichen. Besänftigt gingen wir zusammen in den oberen Stock, um eine Heilung herbeizuführen, und von diesem Moment an, bis zu ihrem Tod, gab es keinen Schatten mehr zwischen uns.

     Sie legte sich nieder und ich sass wie zuvor neben ihr, ihren Arm leicht berührend. Als wir zurück waren, schien die Mutter glücklich, aber ich wusste, obwohl eine Heilung hätte erreicht werden können, es noch nicht geschah, und dass es diesmal nicht so einfach sein würde, wie das erste Mal. Ich wusste mit Bestimmtheit, dass es diesmal von uns allen drei abhing, jeder von uns musste dieser Heilung Priorität vor jedem anderen Wunsch oder Begehren einräumen. Im Verhalten bezüglich meines eigenen Lebensplans bin ich genauso stupid und Fehlern unterworfen, wie jede andere Person, die meine Gabe nicht hat, aber in dieser Periode, so viel ich mich erinnere, versuchte ich, in kleinen und grösseren Angelegenheiten, die Mutter an die erste Stelle zu setzen. Ich wusste, wie wichtig das war und fühlte das Gewicht dieser Verantwortung. Während dieser Zeit folgte auch John sofort allen meinen Vorschlägen, was sonst nicht seine Natur war. Es war die Mutter, die nicht einsah, dass die von ihr gewählte Richtung unseren Instruktionen entgegenwirkte.

     Zu jener Zeit kam ihr jüngster Sohn während seinem Urlaub nach Hause. Er wusste nichts vom Kreis, über die Heilung von ihrer Krankheit, oder meiner Beziehung zu ihnen. Ich glaube die Mutter war darauf bedacht, ihn von all diesen Angelegenheiten fernzuhalten. Es war mehr als genug, dass Nicholas an diesen Sachen interessiert war. Was auch immer ihr Grund war, sie teilte mir mit, dass sie wünschte, für die Zeitspanne, in welcher er als Besucher zu Hause war, mit den gemeinsamen Sitzungen aufzuhören. Ich erfuhr nie, ob ich ihr in diesen Sitzungen physikalische Hilfe bieten konnte. John dachte, ich hätte. Wenn ich ihren Arm berührte, war ich mir manchmal eines Stromes bewusst, der wie schwache Elektrizität zwischen uns floss. Das war jedoch alles. Aber ich wusste, dass ihr Vorschlag der einzigen Instruktion, die wir erhielten, entgegengesetzt war. John und ich waren uns in diesen Befürchtungen bis zu einem bestimmten Punkt einig, und er sprach mit der Mutter über seine Furcht. Sie selbst war sich sicher und fröhlich über ihren Entscheid, überzeugt, dass ihr Wunsch für sie richtig sei und blieb durch unsere Warnung unbeeinflusst. Es scheint falsch zu sein, dass eine scheinbar unwichtige, in gutem Glauben gemachte Entscheidung eine Wende herbeiführen soll, aber wie ich bereits gesagt habe, glaube ich, dass es immer etwas Geringes gibt, eine persönliche Abneigung, die den Aufwand der Überwindung voraussetzt, bevor der Zugang zu diesen Kräften erreicht werden kann.

     Am 17. Dezember wurde meine Enkelin geboren und das glückliche Zwischenspiel mit Elisabeth und Paul war vorbei, und wurde nie mehr wiederholt, da die Schule geschlossen und Paul nach Kaituna versetzt wurde. Ich kehrte nach Dunedin zurück. Zuerst waren die Nachrichten über die Mutter gut, aber einige Wochen später gab es einen Rückfall. Vom Anfang ihrer Krankheit bis zum Ende wurde alles unternommen, was mit dem medizinischen Wissen erreicht werden konnte. Ich trat nur in Erscheinung, wenn diese Hilfe erfolglos war. Im Februar riefen sie mich erneut um Hilfe und bald nachdem ich ankam hielten wir die Sitzung ab, welche wir 'Mutters Service (8). nannten. Es waren nur der Recorder, John, Nicholas und ich bei der Mutter anwesend. Ich wusste, dass es einen höchsten Aufwand bedurfte. Symbolisch gesprochen, mussten wir sie auf den Flügeln der Gedanken emporheben. Während diesem Prozess gab ich der Mutter eine Botschaft von 'Maria' der Weltmutter. Sie sandte einen helfenden Gedanken. Ich nannte es eine Feder aus reinem Gold. Ich mochte mich nie mehr klar an diesen Service erinnern. Die Durchführung war, aus einem Grund, den ich nicht kenne, eine harte physikalische Belastung und ich fühlte auf ihrem Höhepunkt einen Krampf, der meine linke Seite verzerrte und ein Gefühl der Scham, dass ein persönlicher Aspekt dazwischen kam. Nachher ging ich mich ausruhen und schlief mehrere Stunden, aber als die Mutter uns gute Nacht wünschte fügte sie für mich bei: "Es war wunderbar, was auch immer passiert, das alleine war es für mich der Wert." und ihre Worte fühlten sich wie ein Segen an.

     Während dem Rest der Zeit war ich bei ihnen. Ich sass mit ihr von Mitternacht an bis morgens um 6 Uhr, wann John uns jeweils eine Tasse Tee bracht und mich ablöste, bis die Krankenschwester kam. Die Mutter musste mit Kissen hinter ihrem Rücken aufsitzen. Meistens war sie am dösen, aber manchmal fiel ihr Kopf ruckartig vorwärts, und um dies zu verhindern, hielt ich ihre Stirn. Die ganze Zeit fühlte ich mich ihr sehr nahe. Es gab Momente, in welchen ihr Atmen aufzuhören schien, und als das jeweils eintraf, bemerkte ich ihren ängstlichen Aufwand wieder von neuem zu beginnen. Es weckte sie jeweils auf und war sehr schmerzhaft zuzuschauen. Ich glaube der Tod kam in der folgenden Art über sie; ihre Atmung hielt inne, und dieser schreckliche Versuch, wieder zu beginnen, traf nicht mehr ein. Sie starb zwei Wochen nachdem ich die Bodleys verliess.

     Als ich weg ging, schien sie wirklich in einer besseren Verfassung zu sein, und wir alle waren voller Hoffnung. Ich kehrte zu meiner Arbeit in Dunedin zurück, welche ich verlassen hatte, um die Mutter zu besuchen. Dort beschäftigte ich mich mit einer alten Frau, die infolge eines Hirnschlages teilweise gelähmt und deshalb in einem Pflegeheim war. Ich las ihr vor, schrieb ihre Briefe oder sprach mit ihr. Ich fühlte mich gezwungen zu ihr zurück zu gehen, da ich für sie während meiner Abwesenheit nur temporäre Vereinbarungen treffen konnte, und ihre Familie, die mir ihre Betreuung anvertraute, war in England. Es ist für mich keine schöne Erinnerung, dass die Mutter zu John sagte, er hätte mich nicht gehen lassen sollen, was er mir später mitteilte.

     Als mich vierzehn Tage später ein Telegramm, mit der Nachricht des Todes der Mutter erreichte, war es für mich ein schwerer Schock. Wir alle dachten, dass während ihrem Service etwas passiert sei und glaubten es wäre eine Heilung gewesen. In den folgenden Tagen wurde die Spannung beinahe nicht aushaltbar. Ich erhielt einen Brief nach dem anderen mit derselben Frage. Ob ich eine Erklärung hätte? Und ich hatte keine Ahnung. Die nun gewonnene Erkenntnis, dass das Todeserlebnis nicht mein eigenes, sondern das der Mutter war, trug nicht zum Verständnis bei. Ich fühlte mich irregeleitet und wünschte vom Kreis, und allem was damit in Zusammenhang stand, frei zu sein. Es war nicht logisch, dass Azrael in diesem Begehren nicht eingeschlossen war, und von da an habe ich gemerkt, dass andere in unserem Kreis mit ihren Ewigen-Selbst unzufrieden waren, wenn Sachen schiefgingen. Das mag verständlich sein, aber es ist eine Dummheit, denn unsere Ewigen-Selbst stehen unter der Führung von Azrael und Arrantees, die das Licht verkörpern. Demzufolge ist ein solcher Streit ein Zanken mit Gott.

     Ich glaube, dass die Annahme Nicholas richtig ist, und dass diese drei Sterbeerlebnisse mir ermöglichten den drei Menschen, deren Tod ich erlitt, zu helfen. Ich habe festgestellt, dass der Teil meines Bewussten-Selbst, der die Gedankenwelt erreicht, immer bereit ist Verantwortungen auf sich zu nehmen, über welche mein Teil, welcher Kath ist, stolpert, und der nicht so unqualifiziert sein mag. Ich glaube nun, dass wenn ich den Tod der Mutter nicht erlebt hätte, ich ihr ihren Service nicht hätte geben können, und ich weiss, dass dieser Service zu einer Veränderung führte, wenn auch nicht im Körper, dafür im Geist. Diese Veränderung brachte sie nicht nur zurück in den Kreis, den sie freiwillig verliess, sondern ermöglichte ihr unmittelbar nach ihrem Tod den Zugang zur LEHRE.

     Denn es war die Mutter, die mir nun zur Hilfe kam. Die Einzelheiten der Erinnerung an diese ablenkenden Tage ist verblichen, aber ich weiss, dass ich beinahe unmittelbar mit ihr in Kontakt kam. Als es das erste Mal passierte, hatte ich beim Erwachen den folgenden Gedanken: "Ich bin ihr jetzt näher als ich zu John und Nicholas stehe." Und als mein erwachendes Selbst übernahm folgte: "Aber das ist absurd." Es war für mich schwierig, dies zu akzeptieren, aber es war für mich ein Zeichen, falls Zeichen notwendig sind, dass wir wirklich in Kontakt waren. Dann erfuhr ich von ihr, mit ihrem neuen Verständnis, dass es ihr Wunsch war, mir mit der Angelegenheit der LEHRE zu helfen, soweit es in ihrer Möglichkeit stand. Es ist schwierig ihre Gedanken in Worten zu formulieren, aber ihre neue, ausdrückliche Haltung des Interesses und der Sympathie war auffallend, auf welche ich sehr glücklich erwiderte, selbst wenn dies mich im Wachzustand überraschte. Bevor sie starb, bat sie mich, nach ihren Töchtern zu schauen, im besonderen nach der einen, aber ich erfuhr jetzt von ihr, dass sie ein weitläufigeres Verständnis erreicht hatte. Sie wusste, dass ich es nicht vergessen würde, aber sie erkannte, dass man das Leben eines anderen nicht gross beeinflussen kann, ausser wenn die Lebenspläne miteinander verbunden sind, und dass ein Individuum den grössten Teil seines Fortschritts selbst erreichen muss. Ich habe diesen Kontakt, den ich mit der Mutter hatte, Nicholas nicht mitgeteilt, und ich denke, dass es klug war. Es wäre für sie sicherlich weniger glaubwürdig gewesen, als für mein eigenes waches Selbst. Ihre natürliche Erwartung wäre gewesen, dass die Mutter eher um ihre Familie besorgt gewesen wäre, welcher sie sich so liebevoll annahm und welche das Zentrum ihres Lebens war, als um die LEHRE mit ihrem Kreis, von welcher sie sich entfremdete.

     Später empfing ich einen weiteren, sehr unüblichen Gedanken von ihr, der mich veranlasste bei meiner Familie um finanzielle Hilfe anzufragen, was ich sonst nicht getan hätte. Ich brauchte es nicht für den Zweck, für welchen ich es damals vorsah, obwohl es mir sofort grosszügig gesandt wurde. Später als sich Wege für mich auftaten, um mich hier anzusiedeln, machte es diesen Schritt möglich. Ohne dieses Geld hätte ich es nicht tun können. Ich bin froh, dass es ihr Gedanke war, der mich hierher führte.

     Bevor mein Lebensweg sich einspielte, versuchte ich einen Teil von all dem Nicholas zu erklären, aber er konnte es nicht akzeptieren. Es war das erste Mal, dass er nicht 'sehen' konnte. Ich beschuldige ihn nicht, ich war ja selbst ziemlich verwirrt. Wie auch immer, es war gegen jede Vernunft, und ich nehme an, wenn er mit Glauben alleine verstehen müsste, würde er scheitern.


ANMERKUNG:

(7) 'Maori' ist der Name des Volkes, das vor der Kolonisation in Neuseeland lebte.     zurück zum Text.

(8) Diese Sitzung fand am 03.03.1940 statt und ist niedergeschrieben in 'Protokolle und Geschichte der Kreise'.     zurück zum Text


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