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KAPITEL  XIII


EIN  MERKWÜRDIGER  ZWISCHENFALL

Nun folgte ein seltsamer Zwischenfall, völlig ausserhalb des Üblichen, eher wie in einem billigen Melodrama als ein Teil des Lebens der Betroffenen. Einige Monate nach dem Tode seiner Frau, vernarrte sich John in eine Frau, die sozusagen seiner Familie und seinen Freunden völlig fremd war. Sie war eher scharfsinnig, ziemlich attraktiv, und hatte ein bestimmtes Ziel, das sie auch erreichte. Sie benahm sich zweifelsohne als fröhliche sympathische Gefährtin, zu einer Zeit, in welcher John in seinem einsamen und hoffnungslosen Zustand speziell verletzlich war. Wie Nicholas später sagte, wäre es nie geschehen, wenn John sich Zeit gelassen hätte, um sich neu zu orientieren. Obwohl es zu guter Letzt ein nebensächlicher Zwischenfall war, denke ich, dass es beinahe sicher ein Teil seines Lebensplanes war. Dieser Zwischenfall veränderte seine Ansichten beträchtlich, machte ihn toleranter und andern gegenüber rücksichtsvoller, und er lehrte seinen Lebensstil zu schätzen. Er hätte das nie gelernt, wenn er diesen nicht für eine Zeitlang verloren hätte, und als sein früherer Lebensstil wieder hergestellt war, war er für immer dankbar.

     Die wachsende Unruhe in Johns Briefen beunruhigte mich. Er sprach über die Leere in seinem Leben, aber gab keinen Hinweis, dass sein Geisteszustand mit seiner Vernarrtheit zu tun hätte. Meine eigene Zukunft wandelte sich. Susanne, die ihren Abschluss gemacht hatte, fand auf der Nordinsel Arbeit. Wir planten, dass ich mich ihr anschliessen solle, um weiterhin für sie ein Zuhause zu schaffen. Zu diesem Zeitpunkt erreichte mich Johns Brief, in welchem er mir mitteilte, dass er die Absicht hätte, sich wieder zu verheiraten. Ich war erstaunt und unglücklich über eine solch schnelle und unerwartete Entscheidung. In diesem Brief sagte er, dass er noch nicht mit seiner zukünftigen Frau über den Kreis gesprochen hätte, er vermittelte mir den Eindruck, dass es Probleme schaffen würde. Ich antwortete ihm mit einem kurzen gebräuchlichen Brief, wünschte ihm glücklich zu sein, und was den Kreis betraf, erwähnte ich, dass er sich wahrscheinlich von selbst auflösen würde, da ich zu Susanne ziehen würde, und er nach seiner Heirat Plymouth verlassen und sich im Süden ansiedeln werde. Das war für mich eine einfache Darstellung der Tatsachen, Eine Folge seiner Handlungsweise. Es wäre mir nie im geringsten in den Sinn gekommen, dass John diese Aussagen als Drohung auffassen würde. Ich hatte dazumal während langer Zeit keine Ahnung, über den Effekt, den es auf ihn hatte. Jahre später sagte er mir, falls es für ihn zu einer Entscheidung zwischen dem Kreis und seiner neuen Heirat gekommen wäre, hätte er nicht geheiratet. Das mag so gewesen sein, aber es schien mir nicht glaubwürdig. Es ist möglich, dass ich es falsch sah. Rückblickend kann ich jetzt deutlich erkennen, dass es Johns Beitrag war, den Kreis am Leben zu erhalten. Ich bin so froh, dass er diesen Teil seines Planes erfüllte, der wahrscheinlich vom Gesichtspunkt der Gedankenwelt gesehen der wichtigste war.

     Als er meinen Brief erhielt, schrieb er Nicholas einige völlig aufgebrachte Zeilen. Nicholas konnte zum zweiten Mal nicht 'sehen'. Er schrieb mir einen kurzen schwerwiegenden Brief, in welchem er mir mitteilte, dass er denke, keine Umstände dürften John vom Beisein im Kreis ausschliessen, und dass die Ausübung solcher Macht einer Art spiritueller Erpressung gleichkomme. Da ich den Zusammenhang nicht im geringsten kannte, war ich verwirrt und zornig über die Ausdrucksweise, die mir nicht nur unanständig, sondern in diesem Fall auch ungerechtfertigt erschien. John verliess den Kreis auf eigenen Wunsch und nicht infolge meiner Handlung.

     In der Zwischenzeit erfuhr ich, dass der Kreis mit oder ohne John weitergehen werde, und erhielt einen klaren Hinweis, dem ich dankbar folgte: "Jeden Tag zu leben wie er kommt, nur die unmittelbaren Entscheidungen zu treffen, ohne vorwärts zu schauen." Später erhielt ich einen anderen Brief von John, der wusste, dass ich, bevor ich mich Susanne anschloss, die Absicht hatte Elisabeth in Kaituna zu besuchen, um Elsbeth, die nun neun Monate alt war, wiederzusehen. John bat mich, meine Reise zu unterbrechen und eine Nacht in Plymouth zu bleiben. Das würde ihm eine Gelegenheit für eine Sitzung einräumen, die er sich, wie er sagte, sehr wünschte. Unabhängig von Nicholas Brief spürte ich, dass ich ihm seinen Wunsch erfüllen musste. Ich weiss nicht was ich Nicholas zurückschrieb, aber ich mag mich an meine Gefühle erinnern. Ich fühlte, dass er sich blödsinnig eingemischt hatte, und es für ihn von Glück war, dass die mir, auf eine so andere Art mitgeteilten Anweisungen mit seinen Wünschen in Einklang waren. Ich war mich nicht an seine Blindheit gewohnt und deshalb verärgert. Ich wusste auch nicht, dass John ihn gebeten hatte, mir zu schreiben.

     Ich frage mich manchmal, wie sehr die Zukunft ihre Schatten über unsern Sinn wirft, obwohl wir nicht bewusst wissen, was auf uns zu kommt. Denn später, als ich John wirklich traf, hatte ich Mitleid mit ihm, selbst wenn es schien, dass er dessen nicht bedurfte. Er war erfüllt von Plänen und seiner neuen Beziehung. Ich war froh, sein Zutrauen zu haben, obwohl es Momente gab, in welchen ich dazumal nicht wusste, ob es eher ironisch oder absurd war. Durch dieses Treffen wurde unsere Beziehung auf einer stabilen Basis erneuert. Ich gewann sein völliges Vertrauen. Erst jetzt stelle ich fest, dass das Gleichgewicht sich von diesem Tag an verschob, ich wurde weniger von ihm, und er wurde mehr von mir abhängig. Als ich ihn am nächsten Tag in Richtung Kaituna verliess, fiel ein grosses Gewicht von mir, und ich konnte mich freuen Elspeth zu sehen, aber ich stellte fest, wie John plötzlich nachdenklich wurde. Er machte den Anschein eines Buben, der immer noch von seinem Abenteuer eingenommen war, der aber plötzlich feststellte, was er alles dafür aufgeben musste. Vielleicht wurde auch er in diesem Moment vom Schatten der Zukunft berührt.

     Denn die Ehe war vom allerersten Tag an eine Katastrophe. Es schien, als ob John plötzlich realisieren musste, dass er viel verlor und nichts gewann. Brief um Brief drückte seine Bestürzung aus, sein Unglücklichsein und sein Entsetzen, da er von seiner Familie und seinen Freunden abgeschnitten war, in einer Beziehung, die von Tag zu Tag schwieriger wurde. Es war für mich nicht einfach, da John es während einigen Wochen niemandem, ausser mir, anvertraute und in die alte Gewohnheit verfiel, auf persönliche Führung zu hoffen.

     Nie erhielt ich Anweisungen von der Gedankenwelt über persönliche Angelegenheiten, nur Hilfe, nachdem wir die selbstbestimmte Richtung eingenommen hatten. So konnte ich nur auf meine eigene Vernunft zurückgreifen, um seine Bitten zu beantworten. Für eine Zeit schien es mir notwendig, dass er nun warten müsse. Er hatte sich in diese Lage gestürzt, getrieben durch den Impuls seines eigenen Verlangens, und es schien mir unmöglich, dass er seine Lage hätte verbessern können, wenn er nun auf Grund derselben Motive, sich überstürzt herauswinden würde. So erduldete ich für mehrere Monate diese Bürde.

     Als ich in Kaituna war, ging es dem Recorder schlecht. Sie lag für ungefähr eine Woche im Spital und hatte für diese Zeit jemanden, der nach dem Haushalt schaute. Nun musste sie erneut für sechs Wochen ins Spital und wusste, dass sie es nachher gelassen nehmen musste, bevor sie wieder die volle Last des Haushalts übernehmen konnte. In Zeiten der Not halfen sich unsere drei Familien immer gegenseitig aus, so war es nichts als natürlich, dass sie sich in ihrer Notlage an uns wandte. Da ich bis zum Einzug bei Susanne keine Verpflichtungen hatte, zeigte der Finger des Schicksals auf mich, und ich war mehr als gewillt diesem zu folgen. Elisabeth half, indem sie Johanna, die Jüngste, für eine Frist bei sich in Kaituna aufnahm, wo sie auch zur Schule ging. Ich zog im Haus des Recorders ein und schaute nach Helen und dem Haus. Der Recorder schloss sich uns an, als sie später das Spital verliess. Wir hatten eine wunderschöne Zeit, die einzig durch Johns klagende Briefe getrübt wurde.

     Es war einer dieser Briefe, der Unruhe stiftete. Ich war in meinen Antworten zurückhaltend, aber ich liess John ruhig schreiben, da ich spürte, dass er ein Ventil brauchte. Unglücklicherweise liess er auf seinem Schreibtisch einen besonders herzerschütternden Klageroman liegen, den er mir schrieb, nach einer schrecklichen Auseinandersetzung mit seiner Frau. Dieser war von seinem Schreibtisch verschwunden. Seine Frau leugnete nicht ab, den Brief genommen zu haben, weigerte sich jedoch, ihn zurückzugeben. Zum Glück hatte John die Vernunft mir die Situation sofort zu berichten, und er fügte bei, er beabsichtige sie zu ignorieren, bis der Brief zurückerstattet sei, was nach seinem Ermessen bald geschehen würde. Was keiner von uns beiden wusste, war, dass sie unmittelbar meinem Ehemann schrieb, mit der Absicht Probleme zwischen ihm und mir zu schaffen. Da hatte sie aber kein Glück, da wir beide, obwohl wir getrennt lebten, nicht die richtigen Charakter hatten, um sich für solche Zwecke missbrauchen zu lassen. Während ich beim Recorder lebte, wohnte ich ganz nahe bei meinem alten Zuhause und als wir die Lage besprachen sagte sie: "Wenn Du nur mit Deinem Ehemann sprechen könntest. Das würde ihr den Boden völlig unter den Füssen wegziehen." Unmittelbar sah ich die Weisheit in einer solchen Handlungsweise und antwortete: "Selbstverständlich kann ich ihn sehen. Ich hätte es gehasst, dies zu tun, wenn ich die Verwirrung selbst angestiftet hätte, aber es ist eine gute Idee und ich werde sie durchführen."

     Anthony war wie ich es erwartet hatte, ein wenig höhnisch über die Taten und Fehler eines anderen Mannes, aber obwohl er unsere Sitzungen nicht mochte oder ihnen zustimmte, hatte er die Ansicht, dass solche Angelegenheiten meine eigene Sache seien, und dass selbst er nicht das Recht hätte einzugreifen. Nie zuvor brachte er dieses Thema mit mir zur Sprache. Ich erkannte, dass er keine Ahnung hatte, was da geschah, und versuchte zu erklären, dass sie nichts Gemeinsames hätten mit den üblichen Séancen, aber er war nicht wirklich interessiert, und somit liess ich es dabei. Er sagte mir, er hätte bereits zwei Briefe von Johns Frau erhalten, die er mit Vergnügen beantwortet hätte, die er aber auf Anraten seines Anwalts ignorierte. Ich bin im Zweifel darüber, was für sie wohl das kleinere Übel gewesen wäre, keine Antwort, oder die Antwort, die sie von Anthony erhalten hätte. Ich war ihm dankbar und informierte ihn über meinen halb gebildeten Entschluss, in ein Häuschen in der Mitte der Western Bay einzuziehen. Zu meiner Überraschung unterstützte er diese Idee, und offerierte mir selbst eines seiner Kätzchen, so dass wir uns freundschaftlich trennten. Als ich schliesslich meinen Plan durchführte, gab er mir nicht nur ein, sondern zwei Kätzchen. Sie waren kohlschwarz und so klein, dass sie bequem auf meiner Handfläche sitzen konnten. Ich nannte sie Michael und Gabriel, denn sie waren so engelhaft wie ihre Namen und trugen viel zu meinem Glücklichsein im neuen Heim bei.

     Jahre später, als Anthony krank war und ich zu ihm zog, um ihn zu pflegen, gestand er mir, dass er mir dazumal nicht ganz alles gesagt hatte. Johns Frau drohte ihm, in einem ihrer Briefe, mich in einen Gerichtsprozess zu verwickeln. Anthony dachte nicht, dass sie es getan hatte oder tun könnte, aber als Vorsichtsmassnahme zahlte er einem der führenden Anwälte in Wellington eine Summe als Rückhalt, um mich, falls notwendig, zu verteidigen. Das berührte mich sehr.

     In der Zwischenzeit, sicherlich durch das Ausfallen einer Antwort von Anthony und durch die ablehnende Haltung Johns, gab seine Frau den unglücklichen Brief zurück, unter der Bedingung, er würde mir nicht gesandt. Ihr glückloses Zusammenleben setzte sich noch einige Monate fort. Die intensiv besitzergreifende Haltung seiner Frau war Johns Hauptproblem, als auch die eifersüchtige Einstellung, die sie gegenüber seinen Kindern einnahm. John hatte sehr starke Familenbande. Es war die markanteste Charakteristik der Bodley Familie, und es war ihre hartnäckige Verweigerung dieses Anspruchs, welche den Weg für seine Flucht öffnete. Was die Sache wirklich ins Rollen brachte, waren die durch den Krieg hervorgerufenen Umstände. Denn es passierte, dass Jean, Johns zweite Tochter mit ihrem kleinen Kind ohne Heim zurückgelassen wurde, als ihr Mann nach Übersee ging. John wollte sie natürlich zu sich nehmen. Es war offensichtlich der richtige Schritt. Wir beide, Nicholas und ich, sahen die Folgen eines solchen Vorschlags, aber wir fühlten ebenso, dass es einen Ausweg öffnete, der gerechtfertigt war. So geschah es, dass nach einigen Wochen des Versuchens und einigen mehr als gewalttätigen Szenen, von beiden der Beschluss gefasst wurde, dass eine Trennung wünschenswert war.


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