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KAPITEL  XIV


 DIE  GRÜNDUNG  DES   DRITTEN  KREISES 

Es ist interessant zurück zu schauen und zu sehen, wie sich die Situation langsam aufbaute, um diejenigen, die den dritten Kreis bildeten, in die Gegend der Western Bay zu bringen. Einige waren im Krieg und deshalb dem Kreis nicht dienlich, aber es bleibt eine Tatsache, dass alle, die ein Teil des dritten Kreises waren, in diese Gegend gebracht wurden.

     Ein Landstück der Bodley Familie, auf welchem zwei Häuschen standen, eines am Strand und das andere durch zwei Weiden vom Meer getrennt, hatte eine auf mich einwirkende Anziehungskraft. Ihr Onkel bewohnte ein Haus ganz in der Nähe und die Bodley Familie verbrachte von allem Anfang an ihre Ferien entweder bei ihm, oder im Häuschen am Strand. Sie liebten diesen Platz, und freuten sich dort zusammen zu kommen, wenn immer es ihnen möglich war. Pamela, die Jüngste der Bodley Familie, die nach dem Tod der Mutter am einsamsten war, schlug vor, dass ich in eines dieser Häuschen einziehen solle. Sie alle spürten den Bruch, den Johns zweite Heirat verursachte, und nun dachten sie, dass mein Einzug ihre Ferientreffen aufrechterhalten würde. John unterstützte diesen Vorschlag, insistierte jedoch, dass er mich nicht überreden wolle, da ich mich dort zu einsam fühlen könnte. Er betonte aber offensichtlich, dass er hoffte, ich würde den Vorschlag annehmen. Ich beriet mich mit jedem der Familienmitglieder, und alle waren von diesem Vorschlag begeistert, wobei auch ich mich nach einem eigenen Zuhause und ganz im besonderen nach einem Garten sehnte. Es war schwer Susanne zu verlassen. Aber ich spürte, dass es auf eine Art für sie besser wäre und wusste, dass es auch für sie ein guter Ausgleich war, indem ich ihr so ein permanentes Zuhause anbot, zu welchem sie jederzeit zurückkehren konnte. Auch meine Familie unterstützte den Plan.

     So zog ich in der 'Longview' ein, wo ich die letzten achtzehn Jahre verbrachte. Es war das Häuschen hinter den Weiden. Der Name kam daher, weil man von dort aus den entfernten Leuchtturm, der am Ende der Landzunge steht, durch die Nacht blinken sieht. Die Bodleys haben nie selbst darin gelebt, und es war für mich ideal. Es ist durch eine Böschung gegen den Westwind geschützt und ist warm und sonnig im Winter. Es hat eine Gartenfläche von ungefähr 2'000 m2 und von hier aus kann ich hinter den Weiden das Meer sehen und auch hören. Der nächste Bauernhof war beinahe ein Kilometer entfernt. Dort konnte ich meine Milch einkaufen. Ich brachte einige Möbelstücke mit mir. Das meiste davon war mein eigener alter Familienkram, auch meine Bilder und zwei Betten aus meinem alten Daheim. Ich konnte nicht viel mitnehmen, denn ich wollte genügend für Anthony zurücklassen. So kaufte ich mir den Rest, und lernte zum ersten Mal, wieviel Besen, Töpfe und Pfannen kosten. Dieses Häuschen hatte eine geräumige Stube mit Fenstern gegen Norden und Osten. Dahinter lag mein Schlafzimmer und eine schmale aber hübsche Küche, die gegen Norden gerichtet war. Zwischen dieser und einem weiteren Schlafzimmer lag ein seltsamer Raum, der ideal war um Plunder aufzubewahren. Am Südende führte ein weiterer, äusserst nützlicher Vorraum in den Garten. Darin befanden sich zwei grosse, gegen Fliegen geschützte Tablarschränke. Auch standen ein oder zwei seltsame Schober neben dem Häuschen. Ich war glücklich, dass ich die Elektrizität installieren konnte, denn dadurch wurden einige andere eher primitive Zustände ausglichen.

     Ich werde meinen ersten Abend nie vergessen, an dem ich, nach dem Verlassen des gestärkten und gesunden Recorders, mit Michael und Gabriel hier für mich alleine war und mich müde und eher einsam fühlte. Ich setzte mich hin und schaute durch das Küchenfenster mit der Aussicht auf die ungepflegte Weide und das Meer. Am Strand stand das andere Häuschen unter der dazugehörenden Kiefer, die sich gegen den verblassenden Himmel abhob. Dann, als ich weiter beobachtete, stieg aus dem Meer ein grosser roter Pfennig, der Vollmond, und ich fühlte, dass es irgendwie schon recht herauskommen würde. Jetzt nach achtzehn Jahren, weiss ich, dass es so war.

     Eine Woche später kamen Elisabeth und Paul, um die Weihnachtsferien bei mir zu verbringen und Elspeth feierte hier ihren ersten Geburtstag. In den nächsten Jahren erfüllte sich das Schicksal und der Krieg wurde intensiver. Zuerst zog Margarete im anderen Häuschen ein, als ihr Mann auch in den Krieg eingezogen wurde. Sie war vielleicht diejenige in der Bodley Familie, die sich am meisten diesem Platz widmete. Nachdem John seine Trennung erreichte, bot sich ihm eine Gelegenheit eine Praxis in Sandypoint, einem ungefähr 16 km entfernten Dorf zu eröffnen. Er übernahm sie und Jean führte dort seinen Haushalt bis der Krieg vorbei war und ihr Ehemann nach Hause zurückkehrte. Ein wenig später vermietete der Recorder ihr Haus in Plymouth für zwei Jahre und liess sich mit Johanna im gleichen Dorf nieder. Noch etwas später setzte sich der 'Wind', Pauls Mutter, mit ihrem Mann in einem Häuschen zur Ruhe, 24 km von hier auf der östlichen Seite der Bucht. Eine gute Freundin von Margarete, 'der Pinsel', die oft bei ihr zu Besuch war, baute sich schliesslich ein Häuschen in der Nähe von Pauls Mutter. Nachdem ich hier etwa ein volles Jahr wohnte, wurde Paul eingezogen. Er hatte sich schon früher freiwillig gemeldet, um den Krieg zu unterstützen, wurde aber infolge seiner schlechten Augen abgewiesen, um als Soldat an die aktive Front zu gehen. Als er Kaituna verliess, zügelte Elisabeth mit ihren zwei Kindern, der zweijährigen Elspeth und dem siebenmonatigen Hamisch, zu mir. Sie blieben beinahe vier Jahre, bis der Krieg vorbei und Paul von seiner Pflicht befreit war. So wurden alle Schachfiguren an ihre Plätze gerückt.

     Bevor John den Süden verliess, um sich in Sandypoint einzurichten, verbrachte ich einige Tage mit dem Recorder und dem Wind an einem See. An einem Nachmittag, während einem Picknick, hatte ich eine meiner raren Vorahnungen über eine drohende Gefahr. Wir lagen herum und entspannten uns, als ich mir erneut einer dunklen Bank bedrohlicher Wolken gewahr wurde. Es ist eine sonderbare Sache, aber bei den beiden Anlässen, bei welchen ich eine Vorahnung der Gefahr hatte, die sich später als eine Krebserkrankung erwies, erschien die Bedrohung immer als dunkle, purpurfarbige Wolkenbank. Ich war ganz aufgebracht, da mich der Schatten mehr störte, als die Substanz. Ich teilte es den andern mit, aber konnte den Sinn dieser Bedrohung nicht herausfinden. Als wir einige Tage später zurück in unseren Häuschen waren, informierte John den Recorder und den immer noch bei ihr weilenden Wind, dass er Krebs hätte. Der Recorder war schon immer an Geistheilen interessiert und legte ihm ihre Hand auf. Beide schrieben mir und sagten, dass sie Hoffnung hätten, obwohl sie natürlich über die Nachricht beunruhigt wären, und übergaben ihn mir, in der Erwartung, dass sich alles zum Guten wenden werde. Auf der einen Seite war ich erleichtert, es mit einer konkreten Tatsache zu tun zu haben, anstatt einer unbekannten Bedrohung, aber auf der anderen Seite war ich verärgert. Es war offensichtlich, dass alle drei in Glauben und Hoffnung auf mich schauten, um die Sache zu übernehmen, und mit ihm etwas Ähnliches zu tun, wie dazumal mit der Mutter. Mein Pfad ist nicht das Geistheilen, wobei jedoch mein Lebensweg auf komplizierte Art mit jenen Menschen verwoben ist, die eine gemeinsame Aufgabe mit mir teilen. Ich war mir zu jener Zeit dessen bewusst, obwohl ich dazumal noch nicht wusste, dass die Weise, in der wir unsere Lebenspläne einhalten, die Geschehnisse kontrolliert. Ich habe kein spezielles Vertrauen in die Kraft meiner Hände oder meiner Berührung, aber angesichts dieser hoffnungsvollen Erwartung konnte ich nichts anderes tun, als es wieder zu versuchen und auf irgendwelche Anweisungen zu hoffen. Das war der Grund, weshalb ich meine Wochenende mit John verbrachte. Er holte mich jeweils spät am Freitag ab und brachte mich am Montag in der Frühe wieder zurück.

     Jeans zweites Kind wurde geboren, kurz nachdem ihr Mann an die Front ging. Es war mir möglich ihr zu helfen. Wir fuhren mit unseren Sitzungen dort oben fort, und Jean zeigte auch Interesse daran. Ich hatte in jenen Tagen ein äusserst aktives Leben, da ich mich viel mit den Enkeln des Doktors beschäftigte und später mit meinen eigenen. Nach ein paar Jahren erweiterte sich der Kreis. 'Harmonie' und die 'Verbindung' schlossen sich uns an. Später wurden die Sitzungen bei mir in der Longview abgehalten, da dieser Treffpunkt zentraler gelegen war.

     Das Jahr nachdem John in Sandypoint einzog, war eine gute Periode. Nicholas war dann für eine Weile auf Urlaub, und es bedeutete John so viel, seine Familie um ihn zu haben und von seinen Komplikationen frei zu sein, so dass er aufrichtig dankbar war. Seine Gesundheit verbesserte sich merklich und eindeutig, und alle schöpften wieder Hoffnung. Diese Beobachtung machte mir zu jener Zeit keinen grossen Eindruck, ich weiss nicht wieso ich den Ort, wo wir dem Strand entlang spazierten, so lebhaft in Erinnerung habe, als John zu mir sagte: "Ich glaube wirklich, dass ich mich erhole. Ich denke, dass ist nun gewiss aber ich musste bis jetzt Morphium nehmen gegen diese Krankheit. Jetzt aber habe ich das Gefühl, dass ich es nicht mehr benötige, aber ich frage mich, wie einfach es sein wird, das aufzugeben?" Eine Minute lang war ich total verblüfft, und dann antwortete ich ihm aufmunternd: "Du musst einfach." Wie wenig wusste ich in jenem Moment, dass die Ursache des ganzen Problems in dieser Bemerkung lag. Ich fragte ihn einige Monate später, ob er jene Schwierigkeit überwunden hätte. Er bejahte es. Während Jahren dachte ich später nicht mehr darüber nach. War es meine Blindheit oder Stupidität? Ein Fehler? Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube nicht. Es schien mir, dass es ein persönlicher Konflikt war. Es hätte für ihn keinen Wert gehabt, wäre es von mir gekommen. Ich glaube, dies ist eine aufrichtige Folgerung, kein Wunschdenken. Ich spreche nicht von einem medizinischen Gesichtspunkt, jedoch aus unserer eigenen Sicht. Heute realisiere ich, dass eine mögliche Heilung unter dem Einfluss von Morphium ausgeschlossen war.

     Das ist keine Verurteilung Johns. Ich bin sicher, dass die Fähigkeit der geistigen Heilung einer Krankheit latent in jedem von uns vorhanden ist. Jedoch unser Unwissen über die Bedingungen, die zu einer Anwendung dieser Kraft führen, macht deren Gebrauch so selten. Ich weiss, dass John hart mit dem Problem kämpfte, was von niemandem beurteilt werden kann. Im Anfangsstadium erhielt ich einige Hinweise, die hilfreich waren, aber leider eben nur vorübergehend. Der Kernpunkt lag in diesem Kampf.

     In diesen frühen Jahren begann der Kreis wöchentliche Sitzungen abzuhalten. Er wurde erweitert durch die jüngeren Mitglieder der Familien und durch den Pinsel. Die LEHRE kam konstant durch. Nachdem der Krieg vorbei war, erhielt Paul hier eine Stelle an der Schule und Margarete und ihr Mann kauften eine Schafzucht auf der Ostseite der Bucht, so dass wir uns alle in der Nähe ansiedelten.

     Sechs Jahre später gab es einen anderen Unterbruch in meinem Leben. Ich hörte von Michael, dass Anthony an Lungentuberkulose leide. Es wurde eben gerade diagnostiziert. Ich mochte mich an seinen Schrecken vor Spitälern erinnern, und ich wurde mir zweifelsohne bewusst, dass ich ihn selber pflegen musste. Das war nicht sehr einfach einzufädeln, da ich nicht wusste, welche Haltung er einnehmen würde. Als der Krieg ausbrach, gab Susanne ihre Arbeit auf, da sie dachte es sei kein Beitrag an den Krieg, und sie begann sich als Krankenschwester auszubilden. Sie war nun während ihren Ferien zu Hause, und wir sprachen miteinander darüber. Sie war bereit ihren Vater pflegen zu gehen, aber ich wollte davon nichts hören. Schliesslich wurde vereinbart, dass Anthony für zwei Wochen ins Spital gehen solle, für gewisse Behandlungen, aber auch, um uns zu erlauben sein Haus sorgfältig zu säubern. Das war Susannes Bedingung. Auch musste ich ihr versprechen, ihren Anweisungen über notwendige Hygiene Folge zu leisten. Ich besprach es mit Anthonys Doktor. Er sagte, falls Anthony nicht im Spital bleibe, sei es wichtig jemanden zu haben, der nach ihm schaut. Er informierte mich, dass beide Lungen angegriffen seien und dass er in seiner Kehle eine sekundäre Infektion habe, was ihn am meisten beunruhigte. Er insistierte, dass es keine Hoffnung auf eine Heilung gäbe und fügte bei, dass er seine Lebenserwartung nicht höher als sechs Monate einschätze. Er gab mir auch den unschätzbaren Rat: "Lassen Sie ihn essen, trinken und tun was er mag. Es kann nichts mehr für ihn getan werden, und Sie mögen es ihm so bequem wie möglich machen, damit er noch einigermassen glücklich sein kann." Ein äusserst hilfreicher Arzt.

     Als Anthony im Spital war, besuchte Susanne ihn dort und erzählte ihm meine Absicht, Zuerst widersetzte er sich ein wenig, ich glaube weil er sich von mir abhängig fühlte, aber Susanne machte es im klar, dass im Spital zu bleiben seine einzige Alternative war. Sie sagte ihm auch, dass ich, um ihn pflegen zu können, Gabriel einschläfern müsse. Gabriel wurde einmal von einer Wildkatze beinahe umgebracht. Nach diesem Erlebnis war er immer nervös und scheu. Er war eine sanftmütige Katze, aber unglücklich falls er nicht bei mir sein konnte. Michael war im Gegenteil eine Art Freibeuter, und ich wusste, dass er sich bei Elisabeth wohlfühlen würde, bis ich wieder Zuhause war. Anthony war sich am ehesten von allen bewusst, was das für mich bedeutete, und Susanne sagte, dass er, nachdem er das gehört hatte, keine weiteren Einwände mehr gegen meine Betreuung hatte.

     So kamen wir wieder zusammen. Als Anthony aus dem Spital kam, war er wie ein Schulbube, der auf freien Fuss gesetzt war. Er war so froh vom Spital weg zu sein. Er hasste es, eingepfercht zu sein und in einer andern Routine als seiner eigenen zu leben, und das Schlimmste was er sich vorstellen konnte, war von Frauen abhängig zu sei, obwohl ich zweifle, dass er das auch nur andeutete, denn er hatte gute Manieren. Er meinte, ich hätte mich nicht gross verändert, was Wunschdenken war, denn ich sah älter aus und hatte zugenommen. Ohne viel zu sagen, deutete er mir an, dass er über mein Kommen froh war. Ich war ihm dafür dankbar, aber ich Ärmste fühlte nicht das gleiche. Ich hatte Heimweh und fühlte mich in diesem Haus als Fremder. Da ich nun anwesend war, ging er nicht mehr aus. Wir fielen bald in eine Routine. Er liebte es, alles zu tun, was er selbst noch verrichten konnte und kochte auch zuerst ein wenig für sich, da er für eine Zeitlang, seit sie ihm Kokain gaben, um seine Kehle zu bepinseln, wieder solide Nahrung geniessen konnte. Er las die meiste Zeit und sandte mich zweimal die Woche nach Plymouth, um in der Bibliothek Bücher zu holen. Als ich einmal von einer solchen Reise zurückkam, hatten wir unsere erste Auseinandersetzung, da ich herausfand, dass er diese Gelegenheit wahrnahm, um seine Wäsche zu waschen. Ich war sicher, dass die Anstrengung ihn erschöpfte, und ich bat ihn, diese Sache in Zukunft mir zu überlassen, aber er wurde nur störrisch und schliesslich missgelaunt. Dann erinnerte ich mich an die Worte des Doktors und liess ihn machen. Ich erfuhr erst später, dass er mit Absicht darauf bestand, so lange er nur konnte, seine Wäsche und sein Bett selbst zu machen, da er im Gegensatz zu mir wusste, dass es die zwei ansteckendsten Tätigkeiten waren.

     Es geschah, dass ich nach vier Monaten etwas benötigte, das ich zu Hause hatte, und ich fragte Anthony, ob es ihm recht sei, wenn ich kurz für ein Wochenende nach Hause ging. Er stimmte nicht nur zu, sondern meinte, es wäre eine gute Idee und schlug mir vor das einmal pro Monat zu tun. Das erste Mal war er erfreut als ich zurückkehrte, und genauso erfreut über sein Zurechtkommen ohne Hilfe, aber im nächsten Monat war es bei meiner Rückkehr völlig verschieden. Er sagte, er wisse nicht was geschah, da er sich plötzlich sehr matt fühlte. Ich überzeugte ihn, seinen Doktor holen zu dürfen. Dieser untersuchte Anthony und er erwähnte etwas in medizinischer Sprache über sein Herz, was ich nicht verstand, dafür aber Anthony. Es bewirkte, dass er aufschaute. Nach einer Minute sagte er: "Ja, wenn das so ist, ist es das Ende." Er war eine Minute lang ruhig. Dann dankte er dem Doktor und lenkte das Gespräch höflich in ein allgemeines Thema ab. Als wir wieder alleine waren sagte er zu mir: "Nun werden wir etwas diskutieren, über was wir uns nicht einig sind, und ich möchte es dabei belassen. Ich möchte kremiert werden." Er gab mir einen typischen Blick und fügte bei: "Wenn Du zuerst gestorben wärest, hätte ich Dich kremieren lassen." Ich lächelte und sagte: "Das wäre fein gewesen." Dann fuhr er fort: "Leider habe ich nicht viel zu hinterlassen, aber ich habe mein Testament, das ich während unserer Ehe anfertigte, nie abgeändert. Es wird alles Dir vermacht werden." Ich fragte ob er wünschte, dass ich noch irgend etwas tue, und er sagte, er wünschte, dass unserem einzigen Sohn der silbrige Tintenständer hinterlassen wird, womit unser Gespräch abgeschlossen war.

     Der Tintenständer war sehr schwer, mit einer Inschrift und zwei Tintenfässchen, das einzige Erinnerungsstück seiner jahrelangen Arbeit auf dem Konsulat und dem Fremdenbüro. Nein! Ich vergass, es wurde vorgeschlagen, dass er ein K zu seinem C.B.E. erhalten möge, was er mit meiner tiefsten Zustimmung ablehnte.

     Ich glaube, er muss von allem Anfang an gewusst haben, dass er sich nicht erholen würde, jedoch er wollte so lange wie möglich leben und genoss sein Leben irgendwie, trotz all den Schmerzen und dem Unbehagen. Mit seiner Einstellung konnte der Tod nicht willkommen sein, aber er zeigte nie ein Zeichen der Todesangst. Er stand auf festen Füssen bis zum Tag, an dem er starb, und es war meine wachsende Bewunderung für seinen grossartigen Mut, die diese Monate erträglich machte.

     Am Tag, an dem er hinschied, stand er nicht auf. Mit einem trüben Herzen sah ich, dass seine Nachtmilch unangetastet blieb. Ich ging, um zu sehen, ob ich ihm seinen frühen Tee bereiten könne, den er immer trank, aber er konnte ihn nicht einnehmen und sagte er fühle sich grauenvoll. Ich rief eine Krankenschwester, um ihm eine Morphiumspritze zu geben, die erste, welcher er zustimmte und nachher döste er ein. Als ich einmal hinein schaute war er verwirrt, betrübt, dass er nicht aufgestanden war. Es ist mir nicht recht, dass ich ihn anlog und ihm sagte, es sei immer noch einigermassen früh, aber er hätte es so gehasst, bettlägerig zu sein. Ich fragte ihn, ob mein Kommen und Gehen ihn störe. Er antwortete: "Nein, ich mag es, aber bleibe nicht." Dennoch nahm ich um zwei Uhr nachmittags eine Näharbeit zu mir und setzte mich zu ihm. Er sagte: "Solltest Du nicht hinausgehen?" So antwortete ich bestimmt: "Nein, ich muss dies zuende führen." Nach einer langen Weile sprach er nochmals. "Es ist wirklich schön, Dich bei mir zu haben, es ist nicht so einsam." Das war mehr als was ich aushalten konnte. Ich stand auf und ging zum Fenster hinüber, um meine Tränen zu verbergen und sagte: "Gott möge Dir helfen, mein Liebling." Nach ein oder zwei Minuten drehte ich mich wieder zu ihm hin. Sein Gesicht war verändert, er schaute zufrieden aus und nach einer kurzen Weile schied er dahin.


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